Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street (USA/GB 2007)

23. Februar 2008

Think about it! Lots of other gentlemen’ll soon be comin’ for a shave, won’t they? Think of all them pies!

Das „Lange Neunzehnte Jahrhundert“ hatte dem aufmerksamen Zuschauer einiges zu bieten gehabt. Vom „Vollender der Revolution“, dem kleinen Korsen Napoléon Bonaparte, bis zum Einheitskanzler Bismarck. Vom Niedergang des Osmanischen Reiches bis zum Risorgimento Italiens. Vom „Verräterischen Herz“ bis zum „Kapital“. In der Literatur stand Zolas Sozialrealismus dem Ästethizismus Oscar Wildes gegenüber, Widersprüche in den Kunstauffassungen als verzerrtes Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen, geprägt von proletarischer Massenarmut, bürgerlicher Wirtschaftsexpansion, Hand in Hand gehend mit dem Bedeutungsschwund des Adels als Zielgruppe staatlicher Politik. Die Schützengräbe vor Sewastopol maschinisierten die Gewalt, das Menschenleben, ein weiterer Produktionsschritt in der Fabrik des Krieges.

For what’s the sound of the world out there? Those crunching noises pervading the air! It’s man devouring man, my dear! And who are we to deny it in here?

Die Grausamkeit des Schönlings Dorian Gray fand ihr Ebenbild in den Mordgeschichten der penny dreadfuls. Barbiere, die zu Serienkillern wurden, die Überreste ihrer Opfer den hungrigen Kunden auf den Esstisch brachten. Eher ungewöhnliche Themenkost für ein Musical, handelt dieses künstlichste aller Spielfilmgenres doch eher von frisch Verliebten, die im Regen tanzen, ihr Glück der ganzen Welt bekundend, während dem Zuschauer ein wohliges Gefühl vollkommener Zufriedenheit durchfährt.

Ein Mann, der seinen Rassiermessern ein Liebeslied widmet, über die Ungerechtigkeit der Welt erbost, von Rache zerfressen, tritt er nicht im Kampfe für die Unterdrückten auf. Er wird selbst zum Inbegriff tödlicher Willkür, die doch von seinem Erzfeind, dem Richter, verkörpert wird. Musikalische Themen, in ihrer komplexen Eingängigkeit suchen sie in der Musicalgeschichte ihresgleichen, erzählen uns die Geschichte des zu Unrecht eingekerkerten Barbiers Benjamin Barker (Johnny Depp), der Frau, Kind, sein Bilderbuchleben an diesen Richter (Alan Rickman) verliert. Nach fünfzehn Jahren Freiheitsberaubung ist Vergeltung sein Lebenselixier, ist er Sweeney Todd. Im Moloch London findet er seine Helferin (Helena Bonham Carter) und verkennt doch völlig ihre Beweggründe. Der Zorn vernebelt seinen Blick für alle übrigen menschlichen Gefühlsregungen.

Now we all deserve to die. Even you Mrs. Lovett…even I. Because the lives of the wicked should be made brief. For the rest of us death will be a relief.

Ist der erste Mord mit seiner kannibalischen Verschleierung noch improvisiert, mischt sich schon bald der schwarze Rauch, der von Mrs. Lovetts Pie Shop ausgeht, in den dreckigen Dunst der Fabrikschlote. Hätte es im Neunzehnten Jahrhundert Fließbänder gegeben, hätte Todd seinen Hinrichtungsablauf noch effizienter gestalten können. So muss er auf den Stuhl zurückgreifen, der seine Opfer nach ihrer letzten, tödlichen Rasur kopfüber in den Keller befördert, wo schon ein gewaltiger Fleischwolf auf sie wartet. Ein ewiger Kreislauf der Produktionsschritte. Das Geschäft im Pie Shop boomt, leidet doch die restliche Stadt unter einem Fleischmangel. Die Toten sind gesichtslose Zutaten. Todd erledigt sie ohne jede Leidenschaft, routiniert wie eine Guillotine, die ihre Arbeit auf einem französischen Marktplatz der Revolutionszeit verrichtet.

Anstatt mit seiner noch lebenden Tochter Johanna Kontakt aufzunehmen, wartet er auf sein letztes Opfer, den Richter, ihren Vormund, der sie eingesperrt hat in Foggs Asylum, weil sie ihn nicht heiraten will. Was man nicht haben kann, zerstört man. Die einzige Hoffnung der Jugend ist die Jugend, der Seemann Anthony, der den vielversprechenden Nachnamen „Hope“ trägt. Todd wird selbst zum Herrn über Leben und Tod, es ist kein Wunder, dass einer der Höhepunkte des Films sein Duett „Pretty Women“ mit dem Todfeind ist. Hinter der Harmonie der beiden sich vereinigenden Stimmen verblasst der Antagonismus.

And if you’re beautiful, what then. With yellow hair, like wheat? I think we shall not meet again — My little dove, my sweet Johanna…

Die Obsession des Sweeney Todd schmückt Regisseur Burton wie einen Horrofilm der Dreißiger Jahre aus. In den fast schwarz-weißen Bildern sticht das Rot des Blutes hervor, sein übertriebener Fluss, das Spritzen und Sprudeln der aufgeschnittenen Kehlen untermalt Todds ebenso überzogenen Eifer. Die typisch Burton’sche Oberflächlichkeit in der Figurenentwicklung wird hier durch die musikalische und textliche Vorlage wettgemacht. Sweeney Todd springt nicht von Attraktion zu Attraktion, er ist, dank der Lieder, Erzählung pur. Diese Logik muss dazu führen, Schauspieler, nicht Sänger, in den Hauptrollen zu besetzen. Perfektion in der gesanglichen Präsentation ist immer auch Attraktion, ist Stillstand der Narration. Der Film hält nicht an, um zur Bühne des Solisten zu werden.

Selbst die große Geste „Epiphany“ wird ironisch hinterfragt. Der Humor verlässt Burton zu recht erst am Ende, wenn das verbrecherische Geschehen im Pie Shop erstmals durch die Augen der unschuldigen Jugend gesehen wird. Dabei ist das hier betriebene Geschäft nur die Überspitzung dessen, was draußen vor der Tür in viktorianischer Zeit abläuft. Sweeney Todd verlässt nie den Rahmen artifizieller Darstellung, ist am Ende mehr Edgar Allan Poe als Zola, also typisch für seinen Macher. Dieses blutige Musical, tief verankert in der urbanen und lebensweltlichen Umwälzung des kapitalistischen Neunzehnten Jahrhunderts, ist Tim Burtons bester Film seit Ed Wood.

There was a barber and his wife. And she was beautiful. A foolish barber and his wife. She was his reason and his life. And she was beautiful. And she was virtuous. And he was, naive.


Zum Weiterlesen:

Weitere Einträge zum Thema Sweeney Todd.

Eine äußerst lesenswerte Kritik mit einem längst überfälligen Plädoyer bezüglich einer unterrepräsentierten Gattung des gemeinen Kinogängers bei Kino, TV und Co.


Sweeney Todd: Am Anfang war der Gesang

17. Dezember 2007

Nach dem obligatorischen „The Dark Knight“- Trailer, kehre ich sogleich zurück zu meinen primären Vorlieben in Sachen Film und deren obskures Wunschobjekt heißt dieses Jahr: Sweeney Todd.

Wer diesen Blog regelmäßig besucht, dem wird die Häufigkeit auffallen, mit der ich Werbung für Tim Burtons aktuelles Musical betreibe.

Bei fehlendem Interesse an diesem geheimen Oscarfavoriten, sollte das Lesen dieses Beitrags an dieser Stelle eingestellt werden, denn die Werbung geht unvermindert weiter (Muahahaha!):

Nachdem die ersten längeren Trailer mit dem Musical-Anteil des Films eher sparsam bis gar nicht umgegangen sind, bietet der folgende internationale Trailer, der besonders auf Großbritannien zugeschnitten ist, nicht nur Einblicke in ein paar Songs, sondern auch eine wesentlich ausführlichere und dramatischere Darstellung der Story und all ihrer Charaktere.

Da Sweeney Todd hierzulande erst am 21. Februar (!) startet, was an Unbarmherzigkeit gegenüber meinen cineastischen Vorlieben nur noch durch einen Uwe Boll-Film übertroffen wird, wird der geneigte Leser wohl noch den ein oder anderen Beitrag in dieser Richtung ertragen müssen.


..Erste Clips aus Sweeney Todd..

28. November 2007

Die bisher zurückhaltende Marketingcampagne für Tim Burton’s Sweeney Todd ist nun endlich voll angelaufen. Seit gestern gibt’s online 9 Clips, 3 Featurettes und 2 Behind the Scenes-Filmchen, in denen erstmals der Gesang aller Hauptdarsteller zu hören ist.

Nach zwei Trailern und drei TV-Clips bot das Press Junket in London am vergangenen Wochenende wohl den Anlass, die Werbung endlich auf vollen Touren laufen zu lassen.

Hier also das aktuelle Material:

Der erste deutsche Trailer ist bei MovieMaze.de zu finden.

[Woohoo, anscheinend werden die Songs nicht synchronisiert!]

Musicaltalk.co.uk war beim Press Junket dabei und bietet in seinem aktuellen Podcast Interviews mit Stephen Sondheim, Tim Burton, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman und anderen an.

Wer sich spoilern lassen oder einfach mal reinhören will, wie Depp und Co. gesanglich abschneiden, schaue bitte hier, um die Clips und Featurettes anzuschauen. Das zweite Behind the Scenes-Feature bietet übrigens einen ersten Einblick in das Duett „Pretty Women“ von Rickman und Depp.


Da ich nicht sonderlich spoilersüchtig bin, habe ich nur zwei Clips ausgewählt:

Clip Eins zeigt Adolfo Pirelli (Sasha Baron Cohen, aka Borat) und Sweeney Todd (Johnny Depp) bei einem Rasierwettbewerb. Pirelli ist einfach nur herrlich und Cohen beweist, dass er wirklich singen kann:

Clip Zwei zeigt Oberbösewicht Judge Turpin (Alan Rickman), wie er über seine unbefriedigten sexuellen Fantasien siniert. Das klingt schlimmer, als es ist. Oder auch nicht, es ist schon ziemlich schlimm…

Aber absolut sehenswert!

„You gandered at my ward!“

Wieder ein Eintrag in die Zitatesammlung.


..Beware! Aah…Again..

22. Oktober 2007

Da meine Vorlesungen wieder begonnen haben (Woohoo!) bleibt mir gerade nur die Zeit für einen erneuten Trailerhinweis.

Das etwas seltsame Vermarktungskonzept von Warner für Tim Burton’s Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street scheint nun langsam Gestalt anzunehmen.

Es gibt einen zweiten Trailer, der erstmals letztes Wochenende aufgetaucht war, was innerhalb von drei Stunden ominöse Löschungsaktionen von Seiten der Admins in den IMDB-Foren des Films nach sich zog.

Wie der zweite Trailer zeigt, scheint die Kampagne darauf hinaus zu laufen, nicht nur Musicalfans anzusprechen (in Trailer numero uno war ja ein Song zu hören gewesen), sondern Leute in die Kinos zu locken, die generell gern Blut spritzende Kehlen betrachten.

Deswegen fehlt jeder Hinweis auf die musikalische Natur des Films, was zu belustigenden Überraschungen im Kinosaal führen könnte.


..Beware! Sweeney Todd is coming..

4. Oktober 2007

Nach wochenlanger Spekulation, Warterei und einer fast schon masochistischen Befriedigung der eigenen Neugier anhand von nur zwei (!) Stills ist er nun endlich da, der langersehnte Trailer für Sweeney Todd, der bei allen Fans von Johnny Depp, Tim Burton, Musicals im Allgemeinen und solchen mit blutigen Rasiermessern im Besonderen beträchtliche Herzrhythmusstörungen verursachen dürfte.

Depp gibt darin den rachsüchtigen Barbier Benjamin Barker, alias Sweeney Todd, der nach dem Verlust seiner Familie und Jahren des Gefängnisses nach London zurückkehrt und mithilfe von Mrs. Lovett (Helena Bohnam Carter) aus seinen Feinden singend Fleischpasteten macht.

Der rasante Trailer zur Kinoadaption des Sondheim’schen Musicals beweist zwei Dinge:

Erstens: Tim Burton kann sich, was das Production Design seiner Filme betrifft, tatsächlich noch selbst übertreffen.

Zweitens: Depp hatte anscheinend soviel Spaß am haarsträubenden Charakter des Captain Jack Sparrow, dass er gewillt war, noch eins drauf zu setzen.