Kontrapunkt: Die Filme von Jochen Hick

23. November 2009

„Wer?“ mag sich jetzt so Mancher fragen. Der 1960 in Darmstadt geborene Filmemacher Jochen Hick inszenierte bis dato gerade einmal zwei Spielfilme, aber insgesamt neun abendfüllende Dokumentationen über schwule Themen – zuletzt: The Good American. Homosexuelle Subkultur(en), AIDS, Pornografie und Deutsche, welche aus den verschiedensten Gründen ins Ausland gereist sind, sind dabei wiederkehrende Inhalte in seinen unabhängig produzierten Filmen, die hier in einer kleinen, willkürlichen Auswahl besprochen werden sollen.

Via Appia (BRD 1989)

… ist die Bezeichnung eines Stadtviertels von Rio De Janeiro, wo männliche Prostituierte ihrem illegalen Job nachgehen. Dahin reist Frank (Peter Senner), nachdem er von seinem dort stammenden One Night Stand Mario mit AIDS angesteckt wurde. Zusammen mit einem Regisseur (Yves Jansen) und Kameramann, die ihn begleiten, begeben sie sich auf die Suche nach Mario und tauchen in die homosexuelle Stricherszene vor Ort ein. Auffällig bei der Machart des Films ist seine anhaltende Referenz ans Filmemachen. Frank spricht sich mit dem Regisseur ab, dem alsbald vom Produzenten mangels Erfolg bei der Suche der Geldhahn zugedreht wird. Der Kameramann liefert die Bilder für den Film (und den Film im Film), der folgerichtig mit Bildstörungen endet, da gerade die letzte Filmrolle verbraucht wurde. Eine auf Kausalketten beruhende Handlung sucht man dabei vergebens. In diesem semidokumentarischen, um Authentizität bemühten Gestus fällt zuweilen das affektierte Spiel der beiden Hauptakteure etwas negativ auf.

Menmaniacs – The Legacy of Leather (D/USA 1995)

Eine Dokumentation um die Leder-Szene im Schwulen-Milieu, die zunächst einmal viele Klischees bestätigt. Von der Verquickung mit SM über Leder-Fetischismus (schleck!) und Uniformen bis hin zu ausladend langen Aufnahmen von Conventions der Community und Mister-Wahlen, deren Strahlkraft Kameramann und Regisseur Hick öfters verfiel, ist alles dabei. Gut nur, dass der Film insbesondere bei der Thematisierung von AIDS dann doch etwas tiefer schürft und sich darum bemüht, der deutschen Ikone Thomas Karasch („International Mr. Leather 1987“), mittlerweile deutlich von seiner HIV-Erkrankung gezeichnet und als Porno-Produzent tätig, viel Screentime zu geben. Andere Personen wie Marcus Hernandez (Redakteur bei der Szenezeitschrift „Drummer“) und Hans-Gerd Mertens (ebenfalls Deutscher und Freund von Thomas Karasch) kommen allerdings zu kurz. Ein bemühter, über weite Strecken jedoch nur oberflächlicher Einblick in eine zum Teil befremdliche Subkultur.

Sex Life in L. A. (D/USA 1998)

Das Porträt von neun jungen Männern, welche in Los Angeles ihre Erfüllung in der Sex-Branche finden wollen. Doch der Weg zum Foto-Model oder Gayporno-Star ist steinig: Viele scheitern oder werden von der oberflächlichen Industrie schnell verschlissen. Die Stärke des Films liegt darin, auch die Schattenseiten der oberflächlichen Sex-Glitzerwelt von Los Angeles aufzuzeigen: Drogensucht, HIV bei Darstellern und Prostitution, um finanziell irgendwie über die Runden zu kommen. Doch die Schwachstelle ergibt sich schon aus der Ausgangssituation: Jochen Hick gelingt es nicht, jedem der neun Männer gleichermaßen gerecht zu werden. So erfährt man über die beiden Stricher Patrick, der keine feste Bleibe hat und auch mal in seinem Auto lebt, und David, der gläubig ist und von einer Karriere als Unterwäschemodel träumt, durch ihre spröde Art wenig, während Schönling Kevin Kramer eine dominierende Präsenz an den Tag legt. Ein interessanter und zum Teil auch intimer Querschnitt, der ein paar explizite Szenen bereit hält.


Kontrapunkt: Exground Filmfest 2009

17. November 2009

Ich habe dieses Jahr the gaffer zumindest an den ersten beiden Tagen auf dem 22. Exground Filmfest in Wiesbaden Gesellschaft geleistet – hier der Beweis. Und da ja immer Filmbesprechungen und das (Independentfilm-)Festival selbst in einem Festivalbericht die größte Rolle spielen sollten, will ich meiner Leserschaft Anmerkungen zur Hin- und Rückfahrt (danke dir noch mal, Christoph! Hat je nur 3,5 Stunden auf der Autobahn gedauert), den kulinarischen Genüssen (Schümli-Kaffee rockt und Brunchen am Sonntag im Café Klatsch ist echt sehr studentisch-keimig-geil-üppig!) weitestgehend ersparen. Nun also zu den Geschehnissen am 13. und 14. November dieses Jahres, die mit dem Exground zu tun haben in chronologischer Abfolge.

Um 21 Uhr ging es erst einmal mit den mobilen Kurzfilmfestival „A Wall Is a Screen“ aus Hamburg auf Tour quer durch Wiesbaden und seine Häuserwände. Das Thema der Filme dieses Jahr orientierte sich am Datum des 13. Novembers: Freitag, dem 13., um genauer zu sein. Besonders im Gedächtnis haften geblieben ist dabei ein australischer Kurzfilm namens „Spider“. Ich möchte nicht zuviel verraten, aber: Unverhofft kommt oft, soviel ist mal sicher! Seht selbst:

Leider kollidierte diese Veranstaltung mit dem Programm in der Caligari Filmbühne (dem schönsten Kino wo gibt), weswegen wir nur wenige Kurzfilme sehen konnten und dann auch schon wieder kehrt machen mussten. So begann schon um 22.15 nach dem Vorfilm „Spider“ (den ich so innerhalb von anderthalb Stunden zweimal sah) zum Abschluss des Abends jener Film, auf den ich schon sehr gespannt war:

I Sell the Dead (USA 2008)

Man nehme eine Idee aus einem eigenen Kurzfilm und blase sie zu einer streckenweise langatmigen, hin und wieder ermüdenden, phasenweise ironischen und immer atmosphärisch dichten Referenz an die Hammer-Filme der 60er Jahre auf. So lässt sich diese Horrorkomödie um einen Grabräuber (Dominic Monaghan – Merry der Hobbit aus „Der Herr der Ringe“), der im 19. Jahrhundert kurz vor seiner Hinrichtung allerlei Anekdoten vom Friedhof um Untote und Leichen zu erzählen hat, wohl am besten zusammen fassen. Neben der überraschenden Schlusspointe und Larry Fessendens Ähnlichkeit mit Jack Nicholson bleibt insbesondere Ron „Hellboy“ Perlmans Auftritt als Priester in bleibender Erinnerung – auch wenn er darin nicht viel zu spielen hat. Eine etwas detailiertere Einschätzung des Films gibt es hier von mir.

Tag 2: Um 17.30 Uhr liefen im sog. 3-er Programm drei deutsche Kurzfilme, welche alle Migration zum Inhalt hatten. Jenny hat alle Einschätzungen (die ich auch teile) schon in ihrem ersten Festivalbericht angemerkt. 20 Uhr folgte dann ein weiteres, wenn nicht eines der Highlights schlechthin:

Humpday (USA 2009)

Zwei heterosexuelle Kumpels aus Jugendzeiten beschließen, an einem Amateurpornofestival teilzunehmen und miteinander Sex vor der Kamera zu haben. Was wie die Synopsis von der 10. Fortsetzung von „American Pie“ klingt, entpuppt sich als originelle Ausgangsidee für eine Komödie, die neben Situationskomik und witzigen Dialogen auch ernstere Untertöne um unerfüllte Wünsche und individuelle Freiheit im Leben bereithält. Dabei ist es vor allem dem Drehbuch von Regisseurin Lynn Shelton sowie der intensiven Inszenierung (mit vielen Großaufnahmen und dem Verzicht auf Filmmusik) zu verdanken, dass die Ereignisse wie aus dem Leben gegriffen wirken. Ein enorm witziger Indie-Film, der auch zum Nachdenken anregt.

Danach sollte eigentlich die Sichtung von Captain Berlin vs. Hitler erfolgen. Doch die unglückliche zeitliche und logistische Abstimmung bescherte Jenny die letzte Karte im dann ausverkauften Kulturpalast (mit geringem Platzkontingent), während Christoph und ich leer ausgingen und zurückhetzten ins nicht einmal halb gefüllte Caligari, wo 22.15 Uhr unsere letzte Vorstellung für den Abend laufen sollte:

The Good American (D 2009)

Jochen Hick, der Dokumentarfilmer in der Schwulenszene, porträtiert mit Tom Weise den HIV-positiven Mitbegründer des größten schwulen Online-Escortservices rentboy.com. Weises bewegtes Leben um HIV, Hepatitis C und als illegaler Einwanderer in den USA, seine anstehende Rückkehr nach Deutschland und der Verstoß durch seine Eltern hätten genügend Stoff hergegeben für eine kritische Reflexion dieses ambivalenten Charakters. Doch Weise wirkt durch seine professionelle, selbstdarstellerische Fassade, die auch Hick trotz aller Behutsamkeit in über einem Jahr Drehzeit nicht durchbrechen konnte, als Person stets wenig greifbar. So verwundert es nicht, dass der Film aufgrund dieser Umstände oberflächlich wirkt und sich auch mit der Escort-Szene in den USA oder den Hustlaball-Sexparties – als dessen Mitbegründer Weise auch gilt – beschäftigt. Insbesondere gegen Ende verliert Hick dabei seine Hauptfigur bei der expliziten Dokumentation eines Porno-Drehs oder Bühnenshows ein ums andere Mal aus den Augen. Ein interessanter Einblick in die Szene der schwulen Escort-Szene, aber leider kein intimes Porträt.

Thats all – nächstes Jahr wieder! Das Exground Filmfest findet noch bis 22. November statt und ist in jedem Fall einen Besuch wert. Warum? Hier noch einmal knapp zusammengefasst die Pros und Contras nach 2 Tagen Festival:

+ große Vielfalt in der Filmauswahl: Dokumentationen, Spielfilme, Kurzfilme – für jeden Geschmack etwas dabei

+ Kurzfilme als Vorfilme vor jedem Spielfilm

+ tolles Kino: die Caligari Filmbühne allein ist schon sehenswert

+ gute Moderatoren/Filmankündiger/Interviewer der Filmemacher

+ zahlreiche Filmemacher anwesend und auskunftsbereit

+ zahlreiche Verlosungen und hübsche Merchandise-Artikel

- zahlreiche Verlosungen und deshalb oftmals verspäteter Filmstart

- ausbaufähige zeitliche und organisatorische Abstimmung zwischen den Veranstaltungen und Veranstaltungsorten


Exground Filmfest 2009 (1)

16. November 2009

Die Internetflaute ist überstanden, Wiesbaden versinkt im Regen und der vierte Tag des 22. Exground Filmfests ist angebrochen. Auf vier Spielstätten verteilt, darunter die prachtvolle Caligari-Filmbühne und das gemütliche Alpha Kino, ergründen verschiedene Reihen das Weltkino der Marke „unabhängig“. Als Highlights haben sich bisher herausgestellt die Youth Days, American Independents und wie auch letztes Jahr die News from Asia. Den Länderschwerpunkt kann Schweden für sich beanspruchen.


Freitag:

I Sell the Dead (USA 2008)

Das Spielfilmdebüt von Glenn McQuaid lief ja bereits beim Fantasy Filmfest. Doch auch die zweite Sichtung ließ den Eindruck nicht verschwinden, dass es sich hier um einen mühsam auf Spielfilmlänge ausgedehnten Kurzfilm handelt. Die mit allerhand Potenzial ausgestattete Prämisse – eine Art Hammer-Horrorkomödie über zwei Leichenfledderer – wird nicht voll ausgeschöpft. Stattdessen krankt der Film an seiner espisodenhaften Struktur, dem oftmals fehlenden Timing und ermüdenden, v.a. Zeit schindenden Dialogen. Nach dem FFF war meine Haltung noch etwas positiver, wie man hier nachlesen kann.

Samstag:

Moruk / Jedem das Seine / Fliegen (D 2009)

Neues aus Deutschland heißt eine Reihe, in deren Rahmen am Samstag drei mittellange Kurzfilme gezeigt wurden, die sich alle auf sehr unterschiedliche Weise mit Deutschland als Einwanderungsland auseinandersetzen. So erzählt „Moruk“ von Serdal Karaca ausschnitthaft aus dem Leben der beiden unterschiedlichen Jungs Hakan und Murat, die unentschieden vor dem Weg in die Erwachsenenwelt stehen, unsicher darüber, ob sie überhaupt einen Schritt weiter gehen wollen. So vertreiben sie ihre Zeit mit Warten, Kiffen, Spaß haben. Ihnen dabei zuzuschauen macht ungeheuer Spaß, doch unter der witzelnden Schale der beiden steckt die Unsicherheit über das „wohin“; eine Frage, deren Antwort Regisseur Karaca subtil und ohne Zeigefinger aus seinen Schwarweißbildern herauspellt, ohne seinen Humor zu verlieren.

Weniger gelungen, weil allzu offensichtlich in seiner belehrenden Herangehensweise ist da „Jedem das Seine“, dessen Titel eigentlich schon selbsterklärend ist. Zwei Brüder werden in einem Verhöhrzimmer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Der eine ist Polizist, der andere soll eine Frau zusammengeschlagen haben. Aus dieser Konstellation, die alle Anlagen zum Kammerspiel mitbringt, entsteht stattdessen ein groß angelegtes Drama auf kleinem Raum, das all zu viel für den Zuschauer ausbuchstabiert, ohne dass die Figuren eine für die Spielzeit angemessene Wandlung vollziehen. Hinterher ist man leider so klug als wie zuvor.

Ganz anders funktioniert da „Fliegen“, der zwanzig Minuten kürzer und mit hohem Durchschnittstempo eine einfache Episode so intensiv zu erzählen vermag, dass die Konkurrenz gelb vor Neid anlaufen sollte. Auf ihrem Dachboden versteckt darin die Studentin Sarah (Sandra Hüller) den von der Abschiebung bedrohten Dima (Jakob Matschenz). Sie braucht ihn für ein Filmprojekt über junge Ausländer, er braucht sie, weil ihm keine andere Heimat geblieben ist. In kurzer Zeit entwickelt Regisseur Piotr J. Lewandowski daraus die Miniatur einer großen Tragödie, die sich das an dieser Stelle häufig gemiedene Prädikat „besonders authentisch“ mehr als verdient hat.

Humpday (USA 2009)

Zwei heterosexuelle Kumpels wollen sich für ein Kunstporno-Festival beim Sex filmen. Was wie der Aufhänger für eine platte Komödie klingen mag, nimmt Lynn Shelton zum Anlass, einen unglaublich unterhaltsamen Film über die ungeahnte Dynamik einer Männer-Freundschaft zu zaubern, ohne den lockenden Klischees zu erliegen. Ein an der Grenze zur Perfektion wandelnder „Hangover“ für die Arthouse-Crowd. Toll.

Captain Berlin versus Hitler (D 2009)

1973 muss der erste (und letzte?) deutsche Superheld Captain Berlin gegen das wiederbelebte Gehirn Hitlers, dessen SS-Gehilfin Dr. Ilse von Blitzen (!) und den sprichwörtlich roten Dracula antreten. Genug Stoff, mit dem Jörg Buttgereit in seinem Theaterstück einen bunten Trash- und Stilmix generiert, irgendwo zwischen Theater, Film und Comic. Nach Jahren langweiliger Theater-Abfilmungen kaum zu glauben, wie viel hier aus dem Geschehen auf der Bühne gemacht wurde. Dabei werden die nachträglich hinzugefügten, deutlich von Tarantinos und Rodriguez’ „Grindhouse“-Experiment inspirierten, Elemente nahtlos mit der Aufführung verschweißt.

Sonntag:

Forbidden Fruit (Fin 2009)

Zwei Teenager aus einer erzkonservativen christlichen Gemeinschaft gehen in die große Stadt, um das Leben kennenzulernen. Was zum belehrenden Manifest gegen die im Film gezeigte Religionsgemeinschaft hätte werden können, bleibt zwar nicht unkritisch, ist sich glücklicherweise aber der Komplexität seines Themas bewusst. Maria und Raakel werden nicht ohne weiteres in tanzende, weltoffene Teenies verwandelt. So einfach ist die Welt eben nicht. Stattdessen plagen sie Glaubenskrisen und die Erkenntnis, dass im freizügigen Leben abseits ihrer abgeschotteten Herkunft das Scheitern mit inbegriffen sein kann. Im wesentlichen ist „Forbidden Fruit“ jedoch ein Film über die Qualen und Segnungen der Pubertät und des Erwachsenwerdens, die eben jeder auf seine Weise bestreiten muss.

Below Sea Level (USA/I 2009)

Jeder hat eine Geschichte zu erzählen in „Below Sea Level“ und meistens sind es Geschichten von Schicksalsschlägen und der Herausforderung, sich hinterher wieder aufzuraffen und nicht allen ist das gelungen. Sie leben in der Wüste südöstlich von Los Angeles. Alte Busse, Campingwagen, Autos, Zelte sind ihr Zuhause in dieser menschenfeindlichen Umgebung. Vier Jahre lebte Gianfranco Rosi unter diesen Exilanten der Zivilisation und man merkt dem Film an, dass diese ein großes Vertrauen zum Regisseur gefasst haben müssen. Tag und Nacht begleitet Rosi den Alltag der Obdachlosen, deren Kampf ums Überleben man in ihren verwitterten Gesichtern ablesen kann. 129 Fuß unter dem Meeresspiegel sind ihre Unterkünfte gelegen und man kann Rosi nur dankbar sein, dass er abgetaucht ist, um ihre Geschichten einzusammeln.

Antique (ROK 2009)

„This Film is all over the place“ würde man im Englischen sagen, denn „Antique“ ist ein Musterbeispiel all dessen, was am koreanischen Kino nerven und gefallen kann. Wie eine Komödie fängt der Film über die charmanten Eskapaden in einer Konditorei an, um dann noch ein weiteres, nicht gerade nahe liegendes Genre (Tipp: es hat mit Serienkillern zu tun) mit in die knapp 110 Minuten Laufzeit zu quetschen. All das wird mit einer vor Fantasie übersprudelnden Geschwindigkeit erzählt, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Strange.


Kontrapunkt: Wald-Horror mit dummen Studenten

10. November 2009

Die freie Natur, ein Hort des Friedens und der Entspannung? Nicht in den hier vorgestellten Filmen, wo sich junge Erwachsene mit einer unsichtbaren Hexe, einem langweiligen Mörder und einer fleischfressenden Seuche herumplagen müssen.

The Blair Witch Project (USA 1999)

Eine simple Idee, große Wirkung: die beiden Filmstudenten Daniel Myrick und Eduardo Sanchez schickten drei Personen in den Wald von Maryland, die ihre Erfahrungen beim Nachgehen des – frei erfundenen – Mythos um die Hexe von Blair mit zwei Kameras dokumentieren sollten. Bei nur 60 000 Dollar Produktionskosten, spielte der Film durch einen Hype im Internet um das angeblich wahre Verschwinden der Drei weltweit 248 Mio. Dollar ein. Der Zuschauer wird dabei Zeuge, wie sich das Trio der Möchtegern-Filmemacher in den Wäldern verirrt und schließlich den Kontakt mit der Hexe von Blair mit dem Tod bezahlen muss. Die wackelige First-Person-Perspektive garantiert dabei durch seinen dokumentarischen Charakter größtmögliche Authentizität und lässt den Zuschauer auf beklemmende Art an den mysteriösen Geschehnissen sowie an der Angst und den Gefühlen der Beteiligten teilhaben. Ein Film, der zum Vorbild für zahlreiche Spielfilme im Dokumentarstil wurde, wobei „Cloverfield“ und „District 9“ (dort allerdings gefilmt aus der Third-Person-Perspektive) herauszuheben sind. Ein ebenso innovatives wie cleveres Werk.

Deep in the Woods – Allein mit der Angst (F 2000)

Schon seltsam der Titel, wenn man bedenkt, dass a) nur 5 Minuten des Films überhaupt im Wald spielen und b) eine Gruppe von 4 der 5 Theaterstudenten dabei zusammen unterwegs ist. Doch die Liste der Ungereimtheiten bei diesem dümmlichen Edel-Slasher ist noch länger. Die Story um einen Mörder, der im Anwesen von einem Milliardär umgeht und es im Wolfs-Kostüm unter anderem auch auf eine dort „Rotkäppchen“ aufführende Gruppe von Theaterstudenten abgesehen hat, ist dünn, zäh vorgetragen und ergibt in der Motivation des schizophren scheinenden Mörders keinen Sinn. Zahlreiche falsche Fährten zur Verhüllung seiner Identität und Klischees (plötzlich auftauchender Polizist, angeblicher Triebtäter im umliegenden Wald, Überwachung im Schloss, Psycho-Kind, Ausweiden von Tieren) werden uns in der um Kunstfertigkeit bemühten Inszenierung präsentiert, die zwar einige nette POV-Aufnahmen und schöne Bilder in Chiaroscuro-Beleuchtung zu bieten hat, allerdings mit dem unmotivierten Einsatz von Chorälen wie dem penetranten „Böser Wolf“-Motiv und sexuellen Motiven (latent schwuler Gastgeber, Lesben-Szene, Sex im Wald) überladen wirkt. Diese 20 Mio. Franc teure Kunst-Trash-Mixtur ist wahrlich nur schwer genießbar.

Cabin Fever (USA 2002)

Eine Gruppe ignoranter College-Studenten (2 weiblich, 3 männlich) machen Urlaub in einer Waldhütte, bevor eines Abends ein Mann mit einer widerlichen, fleischfressenden Krankheit auftaucht. Nachdem der von ihnen in die Flucht geschlagen wurde, verseucht dessen Leiche ein Trinkwasserreservoir und alle infizieren sich nach und nach. Die Seuche ist eine Metapher – nur wofür? Ich mutmaße ja AIDS oder Homosexualität. Zumindest gehen die Hinterwäldler extrem auf Infizierte ab. Eli Roth präsentiert uns in seinem teilweise immerhin spannenden Survival-Schocker mit der gründlichsten Beinrasur der Filmgeschichte (ihhh!) zahlreiche Referenzen an Genre-Vorbilder wie „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (degeneriertes Kind auf Schaukel) oder [SPOILER] „Die Nacht der lebenden Toten“ (der einzige Uninfizierte wird von der Staatsmacht erschossen) [SPOILER ENDE], neigt aber insbesondere durch die dümmlichen Figuren und dem zu gewollt ironischen Ende zur unfreiwilligen Selbstparodie. Das einzig wirklich gelungene ist der Score von Lynch-Komponist Angelo Badalamenti, welcher unvergleichlich gut auf der Klaviatur des Schreckens zu spielen versteht.


Kontrapunkt: 90er Jahre-Vampire

27. Oktober 2009

Das Subgenre des Vampirfilms hat so seine eigenen Regeln: Bestimmte Klischees um das Töten der Blutsauger müssen (zumindest bei den hier besprochenen Filmen) immer erfüllt werden. Sex spielt immer eine Rolle und das mit dem Beißen ist auch obligatorisch. Dennoch gibt es auch Unterschiede in den Lesarten der Filme.

Interview mit einem Vampir (USA 1994)

Ein wohltuend zurückhaltend auftretender Brad Pitt mit Grunge-Frisur erzählt Schreiberling Christian Slater seine bis dahin 200 Jahre dauernde, weichgespülte Lebens-geschichte als Vampir. Das Szenario schwelgt nur so in seiner prachtvollen Gothic-Ausstattung, einer netten düsteren Atmosphäre, der Selbstverliebtheit des unsympathischen und weibstollen Tom Cruise und endlos langweiligen Dialogen, die wirken wie aufgesa(u)gte Theaterphrasen und null Erkenntnisgewinn um das Wesen der Vampire mit sich bringen. Immerhin wird es dann gegen Ende des melodramatischen Konflikte-Potpourri etwas temporeicher und Antonio Banderas, der als einziger prominenter Blutsauger eine mysteriöse Aura um seine Figur aufzubauen vermag, beißt das Spektakel dann noch aus den Untiefen der Genre-Hölle heraus. Inhaltlich auf das Drama ein Vampir zu sein aufbauend, kratzt der Film leider nur an der Oberfläche eines interessanten Themas.

Bram Stoker’s Dracula (USA 1992)

Die Exposition: genial. Doch danach geht es in diesem Rausch der Farben und Formen dauerhaft bergab. Stets überzeugend in den Set-Designs und Kostümen, verärgert die postmoderne Machart des Films, welche sich in der Reflexion des eigenen Mediums (man erinnere sich an den denkwürdigen Besuch einer Kinematographen-Vorführung) und der Zurschaustellung der eigenen Künstlichkeit offenbart. Letzteres geschieht mit betont künstlichen Lichtsetzungen, mehreren nicht räumlich zusammen passenden Motiven innerhalb eines Bildes sowie der Betonung der farbenfrohen Dekors/Kostüme und omnipräsenten Spezialeffekten. Die Handlung beginnt sich alsbald zu verflüchtigen, um sich in diesen visuellen Exzessen zu verlieren. Evident dafür ist Anthony Hopkins’ selbstparodistische Darstellung des wahnwitzig-überdrehten Vampirjägers Van Helsing. Viel Wahnwitz und Sinnesreize, aber wenig Sinn.

From Dusk Till Dawn (USA 1996)

Der erste Teil: ein ironischer Gangstertthriller, der zweite Teil: ein blutiges Vampirgemetzel. Ein ebenso haarsträubender wie schlicht großartiger Genre-Mix. Zwei Gangsterbrüder (Quentin Tarantino und George Clooney) wollen mit ihrer Beute nach Mexiko fliehen, nehmen eine Familie um Priester Jacob (Harvey Keitel) als Geisel und kehren fatalerweise in ein verlaustes Vampir-Etablissement ein. Es folgt der wohl erotischste Tischtanz der Filmgeschichte durch Salma Hayek bevor ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Tarantinos vor tollen Dialogen und Monologen sprühendes Drehbuch hält einige ironische Brechungen mit dem Genre parat („Sollten die nicht verbrennen oder sowas?“) und George Clooney mit Tattoo ist die coolste Sau wo gibt – mal abgesehen von Maskenbildner Tom Savini als „Sex Machine“ mit Puller-Revolver. Da sieht man über einige unnötige CGI-Effkte beim Vampiretöten gerne hinweg.


Kontrapunkt: Trash III

20. Oktober 2009

Bei so viel 70er-Jahre-Blödsinn kann man sich nicht wundern, dass ich dieses Mal nur zwei Filme bespreche. Danach wäre einfach der Fernseher vor Scham implodiert.

Die Brady Family (USA 1995)

Oder: Eine achtköpfige 70er-Jahre-Familie gegen die bösen 90er. Nette Idee, aber einfach nur nervtötend, wenn die penetrant gut gelaunten menschlichen Anachronismen biedere Ratschläge geben und Werte wie Familienzusammengehörigkeit und sexuelle Zurückhaltung predigen, als würden wir noch in den 50ern leben. Zudem lassen sich zwischen der ganzen Fröhlichkeit und einigen immerhin im Ansatz schlüpfrigen Bemerkungen keine wirklich ernsten Konflikte erkennen, die ausgefochten werden müssen, welche die Handlungsentwicklung des mit Karo- und Punktmustern visuell außergewöhnlichen Films zumindest ansatzweise interessant gemacht hätten. Die drohende Versteigerung des Hauses wird als nicht so schlimm abgetan, man hat ja noch die Familie. Und dass die größere Schwester mehr Aufmerksamkeit bekommt als die mittlere, welche deshalb Komplexe ausbildet, ist doch auch nicht tragisch, wenn man eine Familie ist. Würg! Mehr zum filmischen Heile-Welt-Brechmittel hier.

Kitty & Studs – Der italienische Deckhengst (USA 1970)

Sylvester Stallones erste peinliche Hauptrolle, in alternativen Versionen auch unter den einprägsamen Titeln „Italian Stallion“ oder „Bocky – Ein Mann steckt einen weg“ bekannt. Die Story um einen heimgekehrten Vietnamveteran (Stallone) den eine Mädchenhandel-Organisation verfolgt, weil der bei ihnen Schulden gemacht hat, ergibt durch zwei nicht mit-, sondern nebeneinander stehenden Handlungssträngen keinen Sinn und verliert sich alsbald in unmotiviertem Rudelgeknatter mit behaarten 70er Jahre-Durchschnitts-Pussies. Der sichtbar als Sonderangebot produzierte, dilettantisch inszenierte C-Film besteht ohnehin eher aus Nackedeis und blöder Pseudo-Action als aus technischen Feinheiten. Hinzu kommt die dümmste Synchronisation ever, die eigentlich eine Mischung aus halbwegs zur Szene passendem Dünngelaber (ohne erkennbare Lippenbewegungen der Darsteller) und Voice Over mit verbalisierten Gedankenblasen (nein, nix Perverses) darstellt. Eine grottige Jugendsünde Sylvester Stallones, dessen kleiner – ich betone: kleiner – Freund hier auch zu sehen ist.


Kontrapunkt: Herzschmerz

13. Oktober 2009

Die „Romantische Komödie“, kurz: RomCom, weißt einige Merkmale auf, die beinahe jeden Vertreter des Genres vorhersehbar werden lässt: Ein ungleiches, sich zunächst ablehnend gegenüberstehendes Paar bestehend aus einer extro- und einer introvertierten Person findet zusammen und wird am Ende mit einem sich aus der Charakterzeichnung der Figuren ergebenden Konflikt konfrontiert, welcher diese Verbindung wieder infrage stellt. Hab ich Recht? Bei diesen drei Filmen ganz sicher.

Die Standesbeamtin (CH 2009)

Oder: obiges Schema in der Schweiz. Rahel (Marie Leuenberger) arbeitet als Standesbeamtin in der Alpenrepublik und ist unzufrieden mit ihrer Ehe. Als sie den feschen Musiker Ben (Dominique Jann) wieder trifft, mit dem sie eine gemeinsame Band- Vergangenheit verbindet, keimen alte Gefühle von seiner Seite wieder auf. Dumm nur, dass er doch eigentlich der tussigen Schauspielerin Tinka (Oriana Schrage) das Ja-Wort geben will – organisiert von Rahel. Abgesehen von spärlich eingesetzter Situationskomik ist diese Beziehungsdramödie in Schwizerdütsch eher ernster Natur – und schwerfällig. Mit zahlreichen Konflikten gesäumt (Auftritt des Sohnes auf dem Flohmarkt, Fremdgehen von Rahels Ehemann) strahlt das klebrige Happy End im Sonnenuntergang umso mehr. Wer noch nicht genug hat von meinem Gemecker: klick.

Die nackte Wahrheit (USA 2009)

Kein Larry Flynt, dafür aber Gerard Butler, der als Macho-Moderator mit titelgebender Sendung die Quoten retten und der Produzentinnen- Emanze Katherine Heigl beibringen soll, wie Männer ticken, damit die auch mal wieder einen abbekommt. Ein Haufen von schmutzigen Sprüchen und urkomischen Situationen (missglückte Katzenrettung, vibrierender Slip) ist also dank des Mutes von Frau Heigl zur Peinlichkeit vorprogrammiert. Dieses Konzept unterhält trotz mangelnden Tiefgangs ganz gut, bis der Film von jetzt auf gleich einen Schlenker von rüder und ehrlicher Geschlechter-Komödie mit wahrhaftigen Erkenntnissen (Männer wollen nur Sex; Nie kritisieren! Hin und wieder zappeln lassen!) zu kuscheligem und wenig pointiertem Liebesfilm vollzieht, wenn der Macho plötzlich doch Gefühle hat, was ihn in der Belanglosigkeit versickern lässt.

Auf die stürmische Art (USA 1999)

Mal wieder ein deutscher Titel, der einen Preis verdient für die dümmste Übersetzung. Der schüchterne und biedere Klappentexter Ben (blass wie immer: Ben Affleck) ist nach einem Flugzeugcrash gezwungen, von seinem Junggesellenabschied über den Landweg zu seiner Hochzeit zu reisen. Doch eine Reihe widriger Umstände sorgen neben der zufälligen Anwesenheit der durchgeknallten Sarah (wie immer gut: Sandra Bullock) dafür, dass er über seine Hochzeitspläne noch mal nachdenkt. Interessanter als der Handlungsverlauf ist dabei jedoch das Visuelle des Films, das mit zahlreichen Blenden, hoher Farbsättigung und Kamerapositionen fernab der Horizontalen nahezu videoclipartig daherkommt. Dieser Formalismus steht zwar der Identifikation mit den Figuren im Weg, vermag aber Originalität zu versprühen. Dies kann man von dem mäßig witzigen Film (immer wieder hagelt es Kommentare gegen die Ehe) mit seiner wenig plausiblen Wendung zum Anders-als-erwartet-Happy End nicht behaupten.

Geht zwar nicht als RomCom durch, passt aber trotzdem zu „Herzschmerz“:

Heavenly Creatures (GB/D/NZ 1994)

Als Pauline (Melanie Lynskey) die zugezogene Juliet Hulme (Kate Winslet in ihrer ersten Rolle) kennenlernt, verbindet sie fortan eine intensive Freundschaft. Sie träumen sich in ihre mittelalterlich angehauchte, perfekte Welt, in der sie zusammen über aus Ton geformte Figuren regieren. Als die Eltern zur Unterbindung der lesbischen Züge der Freundschaft die beiden Mädchen trennen wollen, kommt es zu einer Gewalttat. Noch schlimmer als die hysterische Inszenierung vom späteren Ork-Dompteur Peter Jackson mit ausschweifenden Traumsequenzen und die kitschigen Dialoge sind einzig die beiden Hauptdarstellerinnen. Insbesondere geht dem Zuschauer Melanie Lynskey mit ihrem finsteren Blick und permanenter, pubertärer Angepisstheit tierisch auf die Nerven, während ihr darin die für ihre Rolle zu alt wirkende Kate Winslet in ihrem affektiven Spiel als Besserwisserin mit extremen Stimmungsschwankungen ebenbürtig ist. Ein visuell zum Teil überladener Film über eine wahre Geschichte, der nur Kopfschmerzen verursacht.


Kontrapunkt: Realismus (?)

6. Oktober 2009

Die Berliner Schule, der italienische Neorealismus und Dogma 95 gehören zu den realistischen Bewegungen innerhalb der Filmgeschichte. Doch während Andreas Dresens Film zweifelsohne die notwendigen Vorraussetzungen für dieses „Gütekriterium Realismus“ erfüllt, ist insbesondere Lars von Triers Beitrag diesem enthoben, was ihm nicht gut getan hat.

Halbe Treppe (D 2002)

Im Spätherbst entfremden sich in der ostdeutschen Provinz zwei befreundete Paare einander, bis die beiden Beziehungen an einer Affäre zerbrechen. Andreas Dresen fängt mit einer Handkamera in grobkörnigen Bildern minutiös den sich zwischen Arbeit und Familienstress ereignenden tristen Alltag der authentisch wirkenden Figuren ein. Dabei ist es vor allem dem großartig aufspielenden Ensemble zu verdanken, dass „Halbe Treppe“ stets wie die Dokumentation des Zerbrechens einer Partnerschaft wirkt, wenn Dresen auch nicht davor zurückschreckt, Streits und andere unangenehme Situationen minutiös  zu zeigen. Doch fernab aller Tristesse keimt menschliche Wärme auf, wenn Radiomoderator Chris (Thorsten Merten) im Horoskop versteckte Botschaften an seine gehörnte Ehefrau schickt oder Imbissbudenbesitzer Uwe (Axel Prahl) die in der Kälte stehenden Straßenmusiker (dargestellt von der Band „17 Hippies“) in seinen wärmeren Pavillon bittet. Anstrengend zu schauen, aber sehr intensiv und emotional.

Das Wunder von Mailand (I 1951)

Diese grandiose Tragikomödie mit Fantasyelementen um den gute Laune verbreitenden Waisenjungen Totò (Francesco Golisano), der eine Siedlung von Armen mit übersinnlichen Mitteln vor den skrupellosen Plänen eines gierigen Landbesitzers rettet, gehört der Spätphase des Italienischen Neorealismus an. Zwar werden noch soziale Probleme wie Armut und Obdachlosigkeit thematisiert, allerdings ist der Umgang mit ihnen ein spielerischer, hoffnungsvoller, wenn durch den Zusammenhalt der Menschen Hoffnung und Fröhlichkeit erwächst. Und wenn am Ende des sich zum Märchen bekennenden Films („C’era una volta…“-Einblendung zu Beginn) Menschen auf Besenstielen gen Himmel fliegen, so ist „Das Wunder von Mailand“ jeglichem Realismus enthoben. Unverständlich, dass diesem wie weiteren Meisterwerken des Neorealismus (u.a. „Umberto D.“) bisher keine deutsche DVD-VÖ vergönnt war.

Antichrist (DK/D/F/S/I/PL 2009)

Oder: Lars von Trier verarbeitet seine eigenen Depressionen in einem widerlichen, betont provokativen Pseudo-Kunstwerk um die böse und triebhafte Natur der Frau. Abseits der handgemachten Zwischentitel und einiger Reißschwenks mit der Handkamera sucht man dabei realistische Merkmale vergeblich. Die hochgradig ästhetisierte Rahmung in Zeitlupe, Schwarz-Weiß und mit klassischer Musik wirkt wie einige Szenen im Wald (z.B. sprechender Fuchs) durch ihre Überstilisierung und Symbolüberladenheit unfreiwillig komisch, die ermüdenden Dialoge sind bedeutungsschwanger gefüllt, einige Bilder aber immerhin hübsch anzuschauen. Doch wenn am Ende nur die Form, nicht der Inhalt dieses rätselhaften, mit zahlreichen Nackt- und Sex-Szenen angereicherten Films im Gedächtnis haften bleibt, ist freilich etwas verkehrt gelaufen. Dennoch: Ein vertrackter Film, den ich mir noch einmal anschauen muss (von wollen kann nicht die Rede sein).


Kontrapunkt: Überbewertet

28. September 2009

Dabei geht es weniger um die schwarz-gelbe Mehrheit, die sowieso viel zu viel Stimmen bekommen hat, als um Filme, denen mehr Aufmerksamkeit oder Lob zukam als sie eigentlich verdient haben.

Oben (USA 2009)

Nach einer 15-minütigen, stummen Szene um das gemeinsame Altwerden von Ellie und Carl, die „ein Maximum an Lebenszeit auf ein Minimum an Erzählzeit verdichtet“, wie im SPIEGEL richtig über den Film zu lesen war, geht es leider filmisch bergab. Zwar kann sich Carl dann seinen Lebenstraum erfüllen, indem er zu den Paradiesfällen nach Südamerika reist und dazu sein Haus nicht verlassen muss, sondern es einfach mitnimmt. Doch geht seine Ankunft mit einer Verlagerung der Stimmung und der Altersgruppe einher. Die besagten 15 Minuten sind ein zutiefst bewegendes Highlight für adulte Cineasten, Carls Ballonreise mit seinem Haus eine wahrhaft magische Idee, doch dann wird „Oben“ zum quietschbunten Film „für die ganze Familie“ mit reichlich amüsantem Getier und konventioneller Handlungsentwicklung. Auch dieser Pixar-Film kann nach furiosem Auftakt fernab seiner technischen Perfektion nicht viel mehr, als mit minimalen (aber immerhin vorhandenen) Botschaften zu unterhalten.

Glaubensfrage (USA 2008)

Eine Nonne verdächtigt ohne Beweise einen Priester an einer katholischen Schule, ein Kind missbraucht zu haben. Ja, die beiden grandiosen Hauptdarsteller (Phillip Seymour Hoffman und Meryl Streep) duellieren sich mit pointierten Dialogen auf hohem Niveau und die Geschichte beinhaltet eine gewisse Spannung. Doch bleibt dennoch die Frage, warum dem Film stets der Eindruck eines Film gewordenen Theaterstücks anhaftet. Die beiden Medien rücken hier bedenklich nah zusammen zu Ungunsten von Tempo und Bewegung, die doch letztlich die Eigenheit des Mediums Film ausmachen. Das ist auch der Grund, weswegen dieses dialoglastige und behäbige Kammerspiel kaum optische Schauwerte zu bieten hat, sondern die Attraktionen eher als Stimuli auf der Ebene des Verstandes zu suchen sind. Kann man als großes Schauspielkino ansehen und mögen, muss man aber nicht.

Mrs. Miniver (USA 1942)

Oder: Aus dem Leben einer ganz normalen britischen Familie, die dem Konsum frönt und in Zeiten des 2. Weltkrieges noch enger zusammenrückt als zuvor. Dabei wird insbesondere gegen Ende mit widerlichen melodramatischen wie pathetischen Momenten nicht gespart. Auch die Rollenbilder sind dabei enorm angestaubt: Die kokette Mutti darf die ganze Zeit nur bangen, sich um ihre minderjährigen Kinder kümmern und verängstigt gucken, ob Ehemann und verkappter Marxisten-Sohn wieder heimkehren von der Front (die im Übrigen nie wirklich zu sehen ist). Unfassbar, dass Greer Garson für diese Rolle den Oscar einheimsen konnte – eine von sechs fragwürdigen Auszeichnungen mit dem Goldjungen, die an dieses kitschige Propagandawerk gingen. Durchhalten im Krieg gegen die Deutschen wird groß geschrieben, der Familienzusammenhalt, der Glaube und die Liebe als heilsame Institutionen gegen den Hass beschworen. Am Ende der Blick gen Himmel – god save the Queen! Und er erlöse uns bitte auch von solch scheinheiligen Durchhaltefilmen. Amen.


Bologna ‘09: Tag 3

27. September 2009

Als Versuch, die Erinnerungen an eine wunderbare Woche im sonnigen Bologna bis in die kalten Monate des ilmthüringischen Jahres zu retten, kann man diesen Beitrag lesen. Am 01. Juli jedenfalls hatte das Festival Il Cinema Ritrovato neben dem üblichen Verdächtigen (director in focus Frank Capra) zwei große Franzosen zu bieten: Jean-Luc Godard und Jacques Tati.

Ladies of Leisure (USA 1930)

Capras frühe Komödien sind überaus depressive Angelegenheiten, die an sich als Melodram problemlos funktionieren könnten, ins Korsett des Genres gezwungen, aber im schlimmsten Falle jede Homogenität vermissen lassen. Deswegen ist ein Stanwyck-Drama wie „Forbidden“ befriedigender als ein Hybrid wie „Ladies of Leisure“. Die Filmgöttin gibt hier das Partygirl, das sich in einen Künstler aus reichem Haus verliebt und so zwischen die Klassenfronten gerät. Was als Gesellschaftskomödie beginnt, entwickelt aus der Resignation über den unveränderbaren Status quo melodramatische Züge. Das eigentlich traurige an Capras Filmen aus dieser Zeit ist deshalb, dass man ihnen den Glaube an Besserung, an das Happy End, zu keiner Zeit abnimmt. Stanwycks Figur treibt ziel- und hoffnungslos durch den Moloch der Großstadt. Während der Maler Jerry (Ralph Graves) zunächst nicht mehr in ihr sieht als sein Modell, scheint ihre Liebe zu ihm ihr letzter Strohhalm zu sein. An der Härte der Umgebung – in diesem Fall der reichen Verwandtschaft Jerrys – laufen Capras Figuren Gefahr zu zerbrechen und das gilt im Besonderen für seine Filme mit Barbara Stanwyck. Doch wider jegliche Logik setzt der Drehbuch-Kitt sie am Ende wieder zusammen. Ein Schritt, der Stanwycks überragender Leistung keinesfalls gerecht wird.

Platinum Blonde (USA 1931)

Ein Sensationsjournalist bändelt mit einer verführerischen Dame aus reichem Haus (Jean Harlow) an und findet sich nach der Hochzeit in einem goldenen Käfig wieder. Vielleicht sein erster Klassiker ist Capra mit diesem einfachen Plot gelungen, der in Filmform als früher Vorläufer der Screwball-Komödien zu unterhalten weiß. Zu jeder Minute ist sich der Streifen bewusst, in welchem Genre er sich befindet und strebt zu keiner Zeit nach Höherem oder Dramatischerem und das ist gut so. Zwar gestaltet sich das Treiben daher als einigermaßen gehaltlos abseits einiger pessimistischer, aber nicht neuer, Erkenntnisse, dafür beweist „Platinum Blonde“ Capras Händchen für amüsante Wortgefechte und übersteigerte Figuren. Schließlich besteht diese Welt nur aus reichen Müttern, kauzigen Butlern und rasenden Reportern.

Elf Uhr nachts (F/I 1965)

Das hervorstechendste Merkmal an „Pierrot le fou“ (dt. Titel sinnigerweise „Elf Uhr nachts“) ist vielleicht darin zu sehen, dass nur einem einzigen Menschen die Verantwortung für seine Entstehung zugeschoben werden kann, dass nur ein Regisseur so einen Film drehen konnte und der trägt den Namen Jean-Luc Godard. Viele haben sich an der Dekonstruktion des Kinos versucht, sind mal gescheitert, mal siegreich vom Feld gezogen, doch nur einer kann so ein seltsames Potpourri, bestehend aus unzugänglichem Avantgardismus, aufblitzender Ironie und überwältigender Lebendigkeit, zu Stande bringen, wie es „Pierrot le fou“ in sich vereint. Godard baut das Erzählkino Hollywood’scher Prägung auseinander und arrangiert seine Elemente neu, so dass die Mechanismen seines vorgegaukelten reibungslosen Ablaufs – vom Genre bis zur Musik – entblößt werden. Unzählige Referenzen an Popkultur, Kunst- und Literaturgeschichte verwandeln den Film in eine stellenweise kryptische Reflexion, die sich in einem betont surrealistischen Zug kontinuierlich selbst beobachtet. Mit ihren vielen Improvisationen  bilden Jean-Paul Belmondo und Anna Karina das Herz eines Films, der in den Händen eines anderen Regisseurs im drögen Schematismus hätte ersticken können.

Die Ferien des Monsieur Hulot (F 1953)

Das einzige, was ich nach der Vorstellung von „Die Ferien des Monsieur Hulot“ auf der Piazza Maggiore in Bologna in meinem Notizbuch vermerkt habe, ist „Was soll man dazu noch sagen?“. Um diesen Satz nicht so einsam stehen zu lassen, wird an dieser Stelle noch für etwas Inhalt gesorgt. Bis in die späten Siebziger hat Jacques Tati immer wieder am ersten Auftritt seines von ihm selbst gespielten Monsieur Hulot herumgeschnitten und Szenen neu gedreht. Nun wurden die Ergebnisse der Restauration  der definitiven 88-minütigen Fassung von 1978 auf der großen Leinwand gezeigt und bewiesen erneut Tatis zeitlose Komik, die mit dem Begriff Slapstick nicht annähernd umschrieben wird. Tati war ein Perfektionist und so sind auch die Ferien seiner liebenswerten, aber etwas exzentrischen Schöpfung mit einer bemerkenswerten Detailverliebtheit ausgestattet. Jeder Gegenstand, jeder Laut, jede Geste unterliegt schärfster Planung. Im Zusammenwirken verwandeln sie wie präzise kombinierte Noten einer Sinfonie ihre Banalität in das brillante Material einer Komödie, welche die Meister der Stummfilmzeit nicht hätten besser machen können.