27. Oktober 2009
Das Subgenre des Vampirfilms hat so seine eigenen Regeln: Bestimmte Klischees um das Töten der Blutsauger müssen (zumindest bei den hier besprochenen Filmen) immer erfüllt werden. Sex spielt immer eine Rolle und das mit dem Beißen ist auch obligatorisch. Dennoch gibt es auch Unterschiede in den Lesarten der Filme.
Interview mit einem Vampir (USA 1994)
Ein wohltuend zurückhaltend auftretender Brad Pitt mit Grunge-Frisur erzählt Schreiberling Christian Slater seine bis dahin 200 Jahre dauernde, weichgespülte Lebens-geschichte als Vampir. Das Szenario schwelgt nur so in seiner prachtvollen Gothic-Ausstattung, einer netten düsteren Atmosphäre, der Selbstverliebtheit des unsympathischen und weibstollen Tom Cruise und endlos langweiligen Dialogen, die wirken wie aufgesa(u)gte Theaterphrasen und null Erkenntnisgewinn um das Wesen der Vampire mit sich bringen. Immerhin wird es dann gegen Ende des melodramatischen Konflikte-Potpourri etwas temporeicher und Antonio Banderas, der als einziger prominenter Blutsauger eine mysteriöse Aura um seine Figur aufzubauen vermag, beißt das Spektakel dann noch aus den Untiefen der Genre-Hölle heraus. Inhaltlich auf das Drama ein Vampir zu sein aufbauend, kratzt der Film leider nur an der Oberfläche eines interessanten Themas.
Bram Stoker’s Dracula (USA 1992)
Die Exposition: genial. Doch danach geht es in diesem Rausch der Farben und Formen dauerhaft bergab. Stets überzeugend in den Set-Designs und Kostümen, verärgert die postmoderne Machart des Films, welche sich in der Reflexion des eigenen Mediums (man erinnere sich an den denkwürdigen Besuch einer Kinematographen-Vorführung) und der Zurschaustellung der eigenen Künstlichkeit offenbart. Letzteres geschieht mit betont künstlichen Lichtsetzungen, mehreren nicht räumlich zusammen passenden Motiven innerhalb eines Bildes sowie der Betonung der farbenfrohen Dekors/Kostüme und omnipräsenten Spezialeffekten. Die Handlung beginnt sich alsbald zu verflüchtigen, um sich in diesen visuellen Exzessen zu verlieren. Evident dafür ist Anthony Hopkins’ selbstparodistische Darstellung des wahnwitzig-überdrehten Vampirjägers Van Helsing. Viel Wahnwitz und Sinnesreize, aber wenig Sinn.
From Dusk Till Dawn (USA 1996)
Der erste Teil: ein ironischer Gangstertthriller, der zweite Teil: ein blutiges Vampirgemetzel. Ein ebenso haarsträubender wie schlicht großartiger Genre-Mix. Zwei Gangsterbrüder (Quentin Tarantino und George Clooney) wollen mit ihrer Beute nach Mexiko fliehen, nehmen eine Familie um Priester Jacob (Harvey Keitel) als Geisel und kehren fatalerweise in ein verlaustes Vampir-Etablissement ein. Es folgt der wohl erotischste Tischtanz der Filmgeschichte durch Salma Hayek bevor ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Tarantinos vor tollen Dialogen und Monologen sprühendes Drehbuch hält einige ironische Brechungen mit dem Genre parat („Sollten die nicht verbrennen oder sowas?“) und George Clooney mit Tattoo ist die coolste Sau wo gibt – mal abgesehen von Maskenbildner Tom Savini als „Sex Machine“ mit Puller-Revolver. Da sieht man über einige unnötige CGI-Effkte beim Vampiretöten gerne hinweg.
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20. Oktober 2009
Bei so viel 70er-Jahre-Blödsinn kann man sich nicht wundern, dass ich dieses Mal nur zwei Filme bespreche. Danach wäre einfach der Fernseher vor Scham implodiert.
Die Brady Family (USA 1995)
Oder: Eine achtköpfige 70er-Jahre-Familie gegen die bösen 90er. Nette Idee, aber einfach nur nervtötend, wenn die penetrant gut gelaunten menschlichen Anachronismen biedere Ratschläge geben und Werte wie Familienzusammengehörigkeit und sexuelle Zurückhaltung predigen, als würden wir noch in den 50ern leben. Zudem lassen sich zwischen der ganzen Fröhlichkeit und einigen immerhin im Ansatz schlüpfrigen Bemerkungen keine wirklich ernsten Konflikte erkennen, die ausgefochten werden müssen, welche die Handlungsentwicklung des mit Karo- und Punktmustern visuell außergewöhnlichen Films zumindest ansatzweise interessant gemacht hätten. Die drohende Versteigerung des Hauses wird als nicht so schlimm abgetan, man hat ja noch die Familie. Und dass die größere Schwester mehr Aufmerksamkeit bekommt als die mittlere, welche deshalb Komplexe ausbildet, ist doch auch nicht tragisch, wenn man eine Familie ist. Würg! Mehr zum filmischen Heile-Welt-Brechmittel hier.
Kitty & Studs – Der italienische Deckhengst (USA 1970)
Sylvester Stallones erste peinliche Hauptrolle, in alternativen Versionen auch unter den einprägsamen Titeln „Italian Stallion“ oder „Bocky – Ein Mann steckt einen weg“ bekannt. Die Story um einen heimgekehrten Vietnamveteran (Stallone) den eine Mädchenhandel-Organisation verfolgt, weil der bei ihnen Schulden gemacht hat, ergibt durch zwei nicht mit-, sondern nebeneinander stehenden Handlungssträngen keinen Sinn und verliert sich alsbald in unmotiviertem Rudelgeknatter mit behaarten 70er Jahre-Durchschnitts-Pussies. Der sichtbar als Sonderangebot produzierte, dilettantisch inszenierte C-Film besteht ohnehin eher aus Nackedeis und blöder Pseudo-Action als aus technischen Feinheiten. Hinzu kommt die dümmste Synchronisation ever, die eigentlich eine Mischung aus halbwegs zur Szene passendem Dünngelaber (ohne erkennbare Lippenbewegungen der Darsteller) und Voice Over mit verbalisierten Gedankenblasen (nein, nix Perverses) darstellt. Eine grottige Jugendsünde Sylvester Stallones, dessen kleiner – ich betone: kleiner – Freund hier auch zu sehen ist.
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13. Oktober 2009
Die „Romantische Komödie“, kurz: RomCom, weißt einige Merkmale auf, die beinahe jeden Vertreter des Genres vorhersehbar werden lässt: Ein ungleiches, sich zunächst ablehnend gegenüberstehendes Paar bestehend aus einer extro- und einer introvertierten Person findet zusammen und wird am Ende mit einem sich aus der Charakterzeichnung der Figuren ergebenden Konflikt konfrontiert, welcher diese Verbindung wieder infrage stellt. Hab ich Recht? Bei diesen drei Filmen ganz sicher.
Die Standesbeamtin (CH 2009)
Oder: obiges Schema in der Schweiz. Rahel (Marie Leuenberger) arbeitet als Standesbeamtin in der Alpenrepublik und ist unzufrieden mit ihrer Ehe. Als sie den feschen Musiker Ben (Dominique Jann) wieder trifft, mit dem sie eine gemeinsame Band- Vergangenheit verbindet, keimen alte Gefühle von seiner Seite wieder auf. Dumm nur, dass er doch eigentlich der tussigen Schauspielerin Tinka (Oriana Schrage) das Ja-Wort geben will – organisiert von Rahel. Abgesehen von spärlich eingesetzter Situationskomik ist diese Beziehungsdramödie in Schwizerdütsch eher ernster Natur – und schwerfällig. Mit zahlreichen Konflikten gesäumt (Auftritt des Sohnes auf dem Flohmarkt, Fremdgehen von Rahels Ehemann) strahlt das klebrige Happy End im Sonnenuntergang umso mehr. Wer noch nicht genug hat von meinem Gemecker: klick.
Die nackte Wahrheit (USA 2009)
Kein Larry Flynt, dafür aber Gerard Butler, der als Macho-Moderator mit titelgebender Sendung die Quoten retten und der Produzentinnen- Emanze Katherine Heigl beibringen soll, wie Männer ticken, damit die auch mal wieder einen abbekommt. Ein Haufen von schmutzigen Sprüchen und urkomischen Situationen (missglückte Katzenrettung, vibrierender Slip) ist also dank des Mutes von Frau Heigl zur Peinlichkeit vorprogrammiert. Dieses Konzept unterhält trotz mangelnden Tiefgangs ganz gut, bis der Film von jetzt auf gleich einen Schlenker von rüder und ehrlicher Geschlechter-Komödie mit wahrhaftigen Erkenntnissen (Männer wollen nur Sex; Nie kritisieren! Hin und wieder zappeln lassen!) zu kuscheligem und wenig pointiertem Liebesfilm vollzieht, wenn der Macho plötzlich doch Gefühle hat, was ihn in der Belanglosigkeit versickern lässt.
Auf die stürmische Art (USA 1999)
Mal wieder ein deutscher Titel, der einen Preis verdient für die dümmste Übersetzung. Der schüchterne und biedere Klappentexter Ben (blass wie immer: Ben Affleck) ist nach einem Flugzeugcrash gezwungen, von seinem Junggesellenabschied über den Landweg zu seiner Hochzeit zu reisen. Doch eine Reihe widriger Umstände sorgen neben der zufälligen Anwesenheit der durchgeknallten Sarah (wie immer gut: Sandra Bullock) dafür, dass er über seine Hochzeitspläne noch mal nachdenkt. Interessanter als der Handlungsverlauf ist dabei jedoch das Visuelle des Films, das mit zahlreichen Blenden, hoher Farbsättigung und Kamerapositionen fernab der Horizontalen nahezu videoclipartig daherkommt. Dieser Formalismus steht zwar der Identifikation mit den Figuren im Weg, vermag aber Originalität zu versprühen. Dies kann man von dem mäßig witzigen Film (immer wieder hagelt es Kommentare gegen die Ehe) mit seiner wenig plausiblen Wendung zum Anders-als-erwartet-Happy End nicht behaupten.
Geht zwar nicht als RomCom durch, passt aber trotzdem zu „Herzschmerz“:
Heavenly Creatures (GB/D/NZ 1994)
Als Pauline (Melanie Lynskey) die zugezogene Juliet Hulme (Kate Winslet in ihrer ersten Rolle) kennenlernt, verbindet sie fortan eine intensive Freundschaft. Sie träumen sich in ihre mittelalterlich angehauchte, perfekte Welt, in der sie zusammen über aus Ton geformte Figuren regieren. Als die Eltern zur Unterbindung der lesbischen Züge der Freundschaft die beiden Mädchen trennen wollen, kommt es zu einer Gewalttat. Noch schlimmer als die hysterische Inszenierung vom späteren Ork-Dompteur Peter Jackson mit ausschweifenden Traumsequenzen und die kitschigen Dialoge sind einzig die beiden Hauptdarstellerinnen. Insbesondere geht dem Zuschauer Melanie Lynskey mit ihrem finsteren Blick und permanenter, pubertärer Angepisstheit tierisch auf die Nerven, während ihr darin die für ihre Rolle zu alt wirkende Kate Winslet in ihrem affektiven Spiel als Besserwisserin mit extremen Stimmungsschwankungen ebenbürtig ist. Ein visuell zum Teil überladener Film über eine wahre Geschichte, der nur Kopfschmerzen verursacht.
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6. Oktober 2009
Die Berliner Schule, der italienische Neorealismus und Dogma 95 gehören zu den realistischen Bewegungen innerhalb der Filmgeschichte. Doch während Andreas Dresens Film zweifelsohne die notwendigen Vorraussetzungen für dieses „Gütekriterium Realismus“ erfüllt, ist insbesondere Lars von Triers Beitrag diesem enthoben, was ihm nicht gut getan hat.
Halbe Treppe (D 2002)
Im Spätherbst entfremden sich in der ostdeutschen Provinz zwei befreundete Paare einander, bis die beiden Beziehungen an einer Affäre zerbrechen. Andreas Dresen fängt mit einer Handkamera in grobkörnigen Bildern minutiös den sich zwischen Arbeit und Familienstress ereignenden tristen Alltag der authentisch wirkenden Figuren ein. Dabei ist es vor allem dem großartig aufspielenden Ensemble zu verdanken, dass „Halbe Treppe“ stets wie die Dokumentation des Zerbrechens einer Partnerschaft wirkt, wenn Dresen auch nicht davor zurückschreckt, Streits und andere unangenehme Situationen minutiös zu zeigen. Doch fernab aller Tristesse keimt menschliche Wärme auf, wenn Radiomoderator Chris (Thorsten Merten) im Horoskop versteckte Botschaften an seine gehörnte Ehefrau schickt oder Imbissbudenbesitzer Uwe (Axel Prahl) die in der Kälte stehenden Straßenmusiker (dargestellt von der Band „17 Hippies“) in seinen wärmeren Pavillon bittet. Anstrengend zu schauen, aber sehr intensiv und emotional.
Das Wunder von Mailand (I 1951)
Diese grandiose Tragikomödie mit Fantasyelementen um den gute Laune verbreitenden Waisenjungen Totò (Francesco Golisano), der eine Siedlung von Armen mit übersinnlichen Mitteln vor den skrupellosen Plänen eines gierigen Landbesitzers rettet, gehört der Spätphase des Italienischen Neorealismus an. Zwar werden noch soziale Probleme wie Armut und Obdachlosigkeit thematisiert, allerdings ist der Umgang mit ihnen ein spielerischer, hoffnungsvoller, wenn durch den Zusammenhalt der Menschen Hoffnung und Fröhlichkeit erwächst. Und wenn am Ende des sich zum Märchen bekennenden Films („C’era una volta…“-Einblendung zu Beginn) Menschen auf Besenstielen gen Himmel fliegen, so ist „Das Wunder von Mailand“ jeglichem Realismus enthoben. Unverständlich, dass diesem wie weiteren Meisterwerken des Neorealismus (u.a. „Umberto D.“) bisher keine deutsche DVD-VÖ vergönnt war.
Antichrist (DK/D/F/S/I/PL 2009)
Oder: Lars von Trier verarbeitet seine eigenen Depressionen in einem widerlichen, betont provokativen Pseudo-Kunstwerk um die böse und triebhafte Natur der Frau. Abseits der handgemachten Zwischentitel und einiger Reißschwenks mit der Handkamera sucht man dabei realistische Merkmale vergeblich. Die hochgradig ästhetisierte Rahmung in Zeitlupe, Schwarz-Weiß und mit klassischer Musik wirkt wie einige Szenen im Wald (z.B. sprechender Fuchs) durch ihre Überstilisierung und Symbolüberladenheit unfreiwillig komisch, die ermüdenden Dialoge sind bedeutungsschwanger gefüllt, einige Bilder aber immerhin hübsch anzuschauen. Doch wenn am Ende nur die Form, nicht der Inhalt dieses rätselhaften, mit zahlreichen Nackt- und Sex-Szenen angereicherten Films im Gedächtnis haften bleibt, ist freilich etwas verkehrt gelaufen. Dennoch: Ein vertrackter Film, den ich mir noch einmal anschauen muss (von wollen kann nicht die Rede sein).
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28. September 2009
Dabei geht es weniger um die schwarz-gelbe Mehrheit, die sowieso viel zu viel Stimmen bekommen hat, als um Filme, denen mehr Aufmerksamkeit oder Lob zukam als sie eigentlich verdient haben.
Oben (USA 2009)
Nach einer 15-minütigen, stummen Szene um das gemeinsame Altwerden von Ellie und Carl, die „ein Maximum an Lebenszeit auf ein Minimum an Erzählzeit verdichtet“, wie im SPIEGEL richtig über den Film zu lesen war, geht es leider filmisch bergab. Zwar kann sich Carl dann seinen Lebenstraum erfüllen, indem er zu den Paradiesfällen nach Südamerika reist und dazu sein Haus nicht verlassen muss, sondern es einfach mitnimmt. Doch geht seine Ankunft mit einer Verlagerung der Stimmung und der Altersgruppe einher. Die besagten 15 Minuten sind ein zutiefst bewegendes Highlight für adulte Cineasten, Carls Ballonreise mit seinem Haus eine wahrhaft magische Idee, doch dann wird „Oben“ zum quietschbunten Film „für die ganze Familie“ mit reichlich amüsantem Getier und konventioneller Handlungsentwicklung. Auch dieser Pixar-Film kann nach furiosem Auftakt fernab seiner technischen Perfektion nicht viel mehr, als mit minimalen (aber immerhin vorhandenen) Botschaften zu unterhalten.
Glaubensfrage (USA 2008)
Eine Nonne verdächtigt ohne Beweise einen Priester an einer katholischen Schule, ein Kind missbraucht zu haben. Ja, die beiden grandiosen Hauptdarsteller (Phillip Seymour Hoffman und Meryl Streep) duellieren sich mit pointierten Dialogen auf hohem Niveau und die Geschichte beinhaltet eine gewisse Spannung. Doch bleibt dennoch die Frage, warum dem Film stets der Eindruck eines Film gewordenen Theaterstücks anhaftet. Die beiden Medien rücken hier bedenklich nah zusammen zu Ungunsten von Tempo und Bewegung, die doch letztlich die Eigenheit des Mediums Film ausmachen. Das ist auch der Grund, weswegen dieses dialoglastige und behäbige Kammerspiel kaum optische Schauwerte zu bieten hat, sondern die Attraktionen eher als Stimuli auf der Ebene des Verstandes zu suchen sind. Kann man als großes Schauspielkino ansehen und mögen, muss man aber nicht.
Mrs. Miniver (USA 1942)
Oder: Aus dem Leben einer ganz normalen britischen Familie, die dem Konsum frönt und in Zeiten des 2. Weltkrieges noch enger zusammenrückt als zuvor. Dabei wird insbesondere gegen Ende mit widerlichen melodramatischen wie pathetischen Momenten nicht gespart. Auch die Rollenbilder sind dabei enorm angestaubt: Die kokette Mutti darf die ganze Zeit nur bangen, sich um ihre minderjährigen Kinder kümmern und verängstigt gucken, ob Ehemann und verkappter Marxisten-Sohn wieder heimkehren von der Front (die im Übrigen nie wirklich zu sehen ist). Unfassbar, dass Greer Garson für diese Rolle den Oscar einheimsen konnte – eine von sechs fragwürdigen Auszeichnungen mit dem Goldjungen, die an dieses kitschige Propagandawerk gingen. Durchhalten im Krieg gegen die Deutschen wird groß geschrieben, der Familienzusammenhalt, der Glaube und die Liebe als heilsame Institutionen gegen den Hass beschworen. Am Ende der Blick gen Himmel – god save the Queen! Und er erlöse uns bitte auch von solch scheinheiligen Durchhaltefilmen. Amen.
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27. September 2009
Als Versuch, die Erinnerungen an eine wunderbare Woche im sonnigen Bologna bis in die kalten Monate des ilmthüringischen Jahres zu retten, kann man diesen Beitrag lesen. Am 01. Juli jedenfalls hatte das Festival Il Cinema Ritrovato neben dem üblichen Verdächtigen (director in focus Frank Capra) zwei große Franzosen zu bieten: Jean-Luc Godard und Jacques Tati.
Ladies of Leisure (USA 1930)
Capras frühe Komödien sind überaus depressive Angelegenheiten, die an sich als Melodram problemlos funktionieren könnten, ins Korsett des Genres gezwungen, aber im schlimmsten Falle jede Homogenität vermissen lassen. Deswegen ist ein Stanwyck-Drama wie „Forbidden“ befriedigender als ein Hybrid wie „Ladies of Leisure“. Die Filmgöttin gibt hier das Partygirl, das sich in einen Künstler aus reichem Haus verliebt und so zwischen die Klassenfronten gerät. Was als Gesellschaftskomödie beginnt, entwickelt aus der Resignation über den unveränderbaren Status quo melodramatische Züge. Das eigentlich traurige an Capras Filmen aus dieser Zeit ist deshalb, dass man ihnen den Glaube an Besserung, an das Happy End, zu keiner Zeit abnimmt. Stanwycks Figur treibt ziel- und hoffnungslos durch den Moloch der Großstadt. Während der Maler Jerry (Ralph Graves) zunächst nicht mehr in ihr sieht als sein Modell, scheint ihre Liebe zu ihm ihr letzter Strohhalm zu sein. An der Härte der Umgebung – in diesem Fall der reichen Verwandtschaft Jerrys – laufen Capras Figuren Gefahr zu zerbrechen und das gilt im Besonderen für seine Filme mit Barbara Stanwyck. Doch wider jegliche Logik setzt der Drehbuch-Kitt sie am Ende wieder zusammen. Ein Schritt, der Stanwycks überragender Leistung keinesfalls gerecht wird.
Platinum Blonde (USA 1931)
Ein Sensationsjournalist bändelt mit einer verführerischen Dame aus reichem Haus (Jean Harlow) an und findet sich nach der Hochzeit in einem goldenen Käfig wieder. Vielleicht sein erster Klassiker ist Capra mit diesem einfachen Plot gelungen, der in Filmform als früher Vorläufer der Screwball-Komödien zu unterhalten weiß. Zu jeder Minute ist sich der Streifen bewusst, in welchem Genre er sich befindet und strebt zu keiner Zeit nach Höherem oder Dramatischerem und das ist gut so. Zwar gestaltet sich das Treiben daher als einigermaßen gehaltlos abseits einiger pessimistischer, aber nicht neuer, Erkenntnisse, dafür beweist „Platinum Blonde“ Capras Händchen für amüsante Wortgefechte und übersteigerte Figuren. Schließlich besteht diese Welt nur aus reichen Müttern, kauzigen Butlern und rasenden Reportern.
Elf Uhr nachts (F/I 1965)
Das hervorstechendste Merkmal an „Pierrot le fou“ (dt. Titel sinnigerweise „Elf Uhr nachts“) ist vielleicht darin zu sehen, dass nur einem einzigen Menschen die Verantwortung für seine Entstehung zugeschoben werden kann, dass nur ein Regisseur so einen Film drehen konnte und der trägt den Namen Jean-Luc Godard. Viele haben sich an der Dekonstruktion des Kinos versucht, sind mal gescheitert, mal siegreich vom Feld gezogen, doch nur einer kann so ein seltsames Potpourri, bestehend aus unzugänglichem Avantgardismus, aufblitzender Ironie und überwältigender Lebendigkeit, zu Stande bringen, wie es „Pierrot le fou“ in sich vereint. Godard baut das Erzählkino Hollywood’scher Prägung auseinander und arrangiert seine Elemente neu, so dass die Mechanismen seines vorgegaukelten reibungslosen Ablaufs – vom Genre bis zur Musik – entblößt werden. Unzählige Referenzen an Popkultur, Kunst- und Literaturgeschichte verwandeln den Film in eine stellenweise kryptische Reflexion, die sich in einem betont surrealistischen Zug kontinuierlich selbst beobachtet. Mit ihren vielen Improvisationen bilden Jean-Paul Belmondo und Anna Karina das Herz eines Films, der in den Händen eines anderen Regisseurs im drögen Schematismus hätte ersticken können.
Die Ferien des Monsieur Hulot (F 1953)
Das einzige, was ich nach der Vorstellung von „Die Ferien des Monsieur Hulot“ auf der Piazza Maggiore in Bologna in meinem Notizbuch vermerkt habe, ist „Was soll man dazu noch sagen?“. Um diesen Satz nicht so einsam stehen zu lassen, wird an dieser Stelle noch für etwas Inhalt gesorgt. Bis in die späten Siebziger hat Jacques Tati immer wieder am ersten Auftritt seines von ihm selbst gespielten Monsieur Hulot herumgeschnitten und Szenen neu gedreht. Nun wurden die Ergebnisse der Restauration der definitiven 88-minütigen Fassung von 1978 auf der großen Leinwand gezeigt und bewiesen erneut Tatis zeitlose Komik, die mit dem Begriff Slapstick nicht annähernd umschrieben wird. Tati war ein Perfektionist und so sind auch die Ferien seiner liebenswerten, aber etwas exzentrischen Schöpfung mit einer bemerkenswerten Detailverliebtheit ausgestattet. Jeder Gegenstand, jeder Laut, jede Geste unterliegt schärfster Planung. Im Zusammenwirken verwandeln sie wie präzise kombinierte Noten einer Sinfonie ihre Banalität in das brillante Material einer Komödie, welche die Meister der Stummfilmzeit nicht hätten besser machen können.
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Verfasst von jenny
22. September 2009
„Autsch“ mag der Leser vor sich hin murmeln, wenn ein Irrer brutal Studentinnen meuchelt oder Frauen mit Peitschen gezüchtigt werden. Ich gelobe Selbstkasteiung mit weniger brutal-sadomasochistischen Filmen kommende Woche.
Black Christmas (USA/CDN 2006)
Ein von der garstigen Mutti sexuell missbrauchtes und leicht abnormes Kind muss auf dem Dachboden hausen, bis es eines Weihnachtsabends seine Ellis meuchelt und seine Schwester (die gleichzeitig seine Tochter ist) auf einem Auge blind macht. Daraufhin kommt es in die Klapse. Das war in den 70ern. Im Heute an Weihnachten kann er dort fliehen und sucht das Haus seiner Kindheit auf, welches mittlerweile von einer weiblichen Studentenverbindung bewohnt wird. Nach seltsamen Anrufen wird dann von ihm das 10-kleine-Tussilein-Prinzip angewendet. Motiv: hab ich nicht gecheckt. Spannung: null. Schicksale der weiblichen Opfer: egal, weil sie dumm sind und auch so handeln. Zudem in einigen Szenen (Stichwort: Verfolgung durch Zwischenwände) so hanebüchen konstruiert, dass es schmerzt. Einzig einige blutige Einlagen (Stichwort: Augäpfel) halten vom Einschlafen ab. Ein unoriginelles Slasher-Remake zum Abgewöhnen.
Die Geschichte der O (F/BRD/CDN 1975)
Just Jaeckins („Emanuelle – Die Schule der Lust“) Verfilmung von Dominique Aurys skandalumwitterter Roman-vorlage vermag optisch (helle Farben und Weichzeichner-Look) und in Sachen Ausstattung (edle Kostüme und Interieurs) durchaus zu überzeugen, langweilt aber inhaltlich mit einer subtanzarmen Story um Hörigkeit, Züchtigung und Liebe sowie zahlreichen Beziehungsverwicklungen. Zudem ist das gezeichnete Frauenbild als dem Mann unterwürfige Person, die für ihn Peitschenhiebe, Piercings und Brandzeichen über sich ergehen lässt (immerhin erlesen bebildert) sehr fragwürdig. Die traumwandlerische erste halbe Stunde, die uns auf ein Anwesen jenseits aller Zeiten entführt und die erotische Ausstrahlung, welche die bildschöne (und oftmals nackte) Hauptdarstellerin Corinne Clery ungleich dem blassen Udo Kier versprüht, heben den Film jedoch über den Genre-Durchschnitt und trugen viel dazu bei, dass „Die Geschichte der O“ heute als Klassiker gilt.
Die Geschichte der O: Untold Pleasures (USA 2002)
Jenseits jeglichen Ästhetizismus, welcher „Die Geschichte der O“ (siehe oben) ausmachte, ist diese amerikanische Adaption des bekannten SM-Romans einzuordnen, die im Amerika der Gegenwart angesiedelt ist. Die Inszenierung wirkt konventionell, die Darsteller sind unsympathisch und einige immerhin ganz hübsche Bilder sind weniger dem Einsatz von Licht, als von Schatten geschuldet, der weitestgehend das explizite Zeigen jener Körperregionen verhüllt, welches die prüden Amis auf die Barrikaden treiben würde. Die Modefotografin „O“, die Schmerzen aufgrund ihrer schlimmen Kindheit zu genießen scheint, gerät an Sir Steven (Neil Dickson), der mit ihr ein Spiel spielt, bei dem sie Vielen zu willen sein muss. Zwischendurch gibt es etliche dumme Dialoge um das Erkennen der eigenen Lust und viel Gezicke. Überflüssige Softerotik, die vollkommen zu Recht bisher von der Kritik weitestgehend unbeachtet blieb. Zu beiden „O“-Filmen von mir hier mehr.
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Verfasst von luzifus
14. September 2009
„Wir waten durch ein Meer von Blut, gib’ uns dafür Kraft und Mut.“ – Die Pfade Gottes sind bald zum zweiten Mal blutig und bei all dem Gekröse in den hier vorgestellten Filmen braucht man schon etwas Durchhaltevermögen.
Final Destination 4 (USA 2009)
Die Geschichte ist altbekannt: Ein junger Typ hat eine Vision vom baldigen Ableben, rettet ein paar Leuten das Leben, doch der Tod fordert wie immer sein Recht ein. Mit dem Unterschied, dass es dieses Mal bei einem Autorennen passiert und man in den Vordergrund ragende Gegenstände in 3-D bewundern kann, was eine effekthascherische Inszenierung stark unterstützt. Geld für Special Effects oder einen auch nur halbwegs überzeugenden Cast, der sich in den Hauptrollen größtenteils aus TV-Darstellern in den 20ern zusammensetzt, schien dabei von dem 40 Mio. Dollar-Budget nicht übrig geblieben zu sein. Bezeichnender Weise ist die machohafte Prollfigur des Hunt (Nick Zano), der während des Geschlechtsaktes schon mal telefoniert und ansonsten nur Flausen im Kopf hat, am weitesten ausgearbeitet. Nach einer tollen Auftakt- und Vorspann-Sequenz mit krachiger Rockmusik flacht der (hoffentlich wirklich) letzte Teil der Saga, der konzeptionell stets unentschlossen zwischen ernstem Horrorthriller und Fun-Splatter mit reichlich Gekröse hin und her torkelt, zusehends ab.
Torso – Die Säge des Teufels (I 1973)
Ein Klassiker des italienischen Giallo um einen psychopathischen Maskierten, der junge Studentinnen mit einem Halstuch erdrosselt und verstümmelt. Beeindruckend: die von subjektiven Kameraperspektiven geprägte Fotografie des Films (inklusive eines suggestiv inszenierten finalen Konflikts) und eine 16-minütige, hoch spannende Sequenz, in der sich die einzige Überlebende in einem Ferienhaus am Tag nach dem Mord stets vor dem Killer verstecken muss, der nichts von ihrer Anwesenheit weiß. Auch die Auflösung um die Identität des Killers gestaltet sich nach zahlreichen falsch gelegten Fährten als überraschend, wenn auch die Motivation hinter den Morden und die Misogynie des Täters wenig plausibel wirken. Die Inszenierung schwankt zwischen den Prädikaten „reißerisch“, wenn wiederholt blutige Einlagen zu sehen sind (inklusive Augen ausstechen) und „ambitioniert“, was das kunstvolle Spielen mit Blickwinkeln und dem Voyeurismus des Zuschauers angeht. Kein Geniestreich, aber ein solider Beitrag zum Genre.
John Rambo (USA/D 2008)
Einerseits zeugt ein aus Nachrichten-bildern bestehendes Intro von der Ambition, für den Bürgerkrieg in Birma zu sensibilisieren. Andererseits stehen Sylvester Stallone und die von ihm verkörperte Figur John Rambo immer noch für brachiales Actionkino. Das Schlachthaus, was sich allerdings auf DVD in seiner vollkommenen Hässlichkeit offenbart, ist zuviel des Guten. Wenn Extremitäten durch Granaten abgesprengt, durch Macheten abgetrennt oder Hundertschaften des als sadistisches Monster gezeichneten Feindes im großen Finale blutigst niedergemäht werden und sonst noch obskure martialische Sprüchen fallen („Krieg liegt dir im Blut“; „Lebe für nichts – oder stirb für etwas!“), kann man das nicht mehr ganz ernst nehmen. Abseits dieser, von mir vor einiger Zeit schon hier ausführlicher diskutierten, Frage ist „John Rambo“ jedoch ein handwerklich solide inszenierter Actionfilm, der die Reihe um den traumatisierten Vietnamkriegsveteran nach den beiden schwachen Vorgängern ungedacht souverän zu Ende führt.
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Verfasst von luzifus
8. September 2009
Bei den gesehenen Filmen vergangene Woche, war sehr viel Kreativität gefordert, ihnen etwas Gemeinsames abzugewinnen. Nach langem Überlegen entschied ich mich dann doch für ein in jedem Titel vorkommendes Wort. Ich weiß, dass dies genial ist. Oder komplett einfallslos.
Strange Days (USA 1995)
Lenny (Ralph Fiennes) handelt mit sog. SQUID-Clips: Erinnerungen aus dem Leben eines anderen Menschen, die diese auf Minidisc aufzeichneten. In den letzten Tagen des Jahres 1999 werden er und seine amazonenhafte Freundin Mace (Angela Bassett) verstrickt in den Mordfall von Jeriko One, eines schwarzen Rappers, welcher gegen den Polizeistaat aufbegehrt hatte, indem ihnen die Disc mit den Umständen seines Todes zugespielt wird. Das stets um Realismus bemühte und mit Seitenhieben auf Gesellschafts- und Medienkritik nicht sparende Drehbuch dieses mit einigen Point of View-Sequenzen durchsetzten Noir-Thrillers stammt von James Cameron. Die (zum Zeitpunkt der Entstehung des Films) nahe Zukunft wird dabei nicht als hoch technisierte Glitzerwelt, sondern als chaotische Pre-Apokalypse gezeichnet, die weitestgehend mit dem Heute übereinstimmt. Dies macht „Strange Days“ ob seiner Laufzeit von über 130 Minuten umso beklemmender und spannender. Mehr dazu (insbesondere mit Fokus auf Realität und deren Wahrnehmung) von mir hier.
Wonderful Days (ROK/USA 2003)
Im Jahre 2142 ist die Welt größtenteils überflutet. Die Stadt Ecoban, in der nur die Privilegierten leben, steht im Konflikt zu der umliegenden Stadt der Arbeiter, Mar. Als Ecoban, welches seine Energie über Umweltverschmutzung generiert, Mar zerstören will, kommt es zum Krieg. Während die mit 3D-Computereffekte durchsetzte Animation technisch durchaus zu beeindrucken vermag, fallen bei dieser südkoreanischen 30 Mio. Dollar-Produktion einige dramaturgische Schwächen auf. Die Handlung verzettelt sich irgendwo zwischen den zahlreichen Actionszenen, selbstzweckhaft zur Schau gestelltem audiovisuellem Bombast mit videospielähnlichen Elementen und einem in Rückblenden erzähltem Drei-Personen-Drama mit poetischen Anklängen in Hinblick auf den Filmtitel. Letzteres gestaltet sich aber als wenig emotional, weil es nicht gelang, den Figuren charakterliche Tiefe zu verleihen und glaubhaft Emotionen ausdrücken zu lassen.
Sechs Tage, sieben Nächte (USA 1998)
Eine romantische Komödie, welcher man in erster Linie seine Banalität ankreiden muss. Ein figuraler Archetypus im Bogart-Stil, der versoffene Beförderer (Harrison Ford), und dessen zunächst biestige Passagierin (Anne Heche) müssen sich nach einem Crash im exotischen Nirgendwo zusammenraufen und lieben lernen, damit sie wieder heil aus der Sache herauskommen. Sämtliche Wendungen sind schon seit 50 Jahren bekannt, so dass Piraten auf der einsamen Insel und gefährliche Tiere im reaktionären Rollenverhältnis die Führungsqualitäten des Mannes beweisen, während auch die zweite Affäre unter den Bangenden in sicherer Entfernung nicht verwundert. David Schwimmer in einer seiner wenigen in Erinnerung gebliebenen Spielfilmausflüge als geschniegelter Romantiker und Freund der Passagierin ist eine charakterlose Witzfigur, die leicht nudistisch angehauchte Exotin (Freundin vom Beförderer) und einige „sexual content“ enthaltende Dialoge nur ein pseudo-freizügiges Zugeständnis an die Kreativität der Drehbuchautoren der 90er Jahre. Einzig hervorzuheben: Harrison Ford, wenn er denn mal schelmisch grinst, was man schauspielern nennen kann. Soviel zum leidlich amüsanten RomCom-Bausatz.
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Verfasst von luzifus
31. August 2009
Mal wieder ein martialischer Kontrapunkt, indem Nazis und Entführern auf die Omme gehauen und der repressiven Gesellschaft der Stinkefinger gezeigt wird. Im bildlichen Sinne, versteht sich.
Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)
Vorsicht: Der Filmtitel schreibt sich aufgrund von Tarantinos Rechtschreibschwäche genau so und nicht anders. Unter dem „richtig“ geschriebenen Titel findet man nur ein italienisches Trash-Movie, an dem sich dieses Fast-Meisterwerk um eine amerikanisch-jüdische Truppe, die im Frankreich des 2. Weltkriegs auf Nazijagd geht, nur lose orientiert. Wieso nur Fast-Meisterwerk? Weil Tarantino sich wie eh und je nur in seinem eigenen Referenz-Universum verliert, welches von Western (grandios: die Anfangssequenz) über Exploitation (wenn anzunehmen ist, dass von den Basterds am Leben gelassene Nazis ihre Uniformen irgendwann auch mal ausziehen) bis hin zum leicht entzündlichen Filmmaterial und Kino (als Handlungsort) selbst reicht. Das ist zwar stylish postmodern, aber wirkt eben bei dem Fakt, dass keine wirkliche Geschichte existiert, seltsam nichtig. Ohne Christoph Waltz, der für mich ins Rennen um den Nebenrollen-Oscar 2010 gehört, wäre die Ansammlung von Absurditäten nur halb so hochklassig. [SPOILER] Dafür hätte ich gern auf das Dilettieren der nervigen Diane Kruger verzichtet, deren Ableben im Film man durchaus genießt. [SPOILER ENDE] Für die einen Kino pur und Tarantinos bester Film seit Langem, für die anderen nur der beste Film, der derzeit in den Kinos der Republik läuft.
96 Hours (F 2008)
Ein Ex-Secret Service-Spezialagent geht mit aller Gewalt gegen die Entführer seiner Tochter vor. Zugegebenermaßen ist Charaktermime Liam Neeson in diesem Rachethriller eher verschenkt, doch seine Leistung ist in all den brutalen Gekämpfe und Geballere nur als äußerst solide zu bezeichnen. Die weiteren Figuren (allen voran Famke Janssen als dessen Ex-Frau) lassen jedoch jegliche Konturen vermissen. Bei diesem ausgesprochen deftigen und – trotz aller Schlichtheit bei der Story – kurzweiligen Männerfilm nerven akut einzig verwackelte Handkameraaufnahmen, die man bei Actionszenen bei all den (Möchtegern-) Hollywoodregisseuren unter Strafe stellen sollte. Man merkt auch abseits der fernen Referenz an Profikiller Leon, der auch im Sessel schlief, dass Luc Besson seine Finger mit im Spiel hatte: an der Inszenierung gibt es sonst nichts zu mäkeln.
Der Baader Meinhof Komplex (D/F/CZ 2008)
Oder: Wie Bernd E. immer wieder versucht, mit überambitionierten Projekten endlich einen Oscar zu gewinnen. Immerhin hat es „Der Baader Meinhof Komplex“ nach „Der Untergang“ auch auf die Liste der Nominierten für den „Besten nicht-englischsprachigen Film“ der Academy geschafft, doch leiden beide Filme dramaturgisch unter ihren hohen Ansprüchen. Entweder bei der Rekonstruktion vom Ende des Dritten Reichs aus deutscher Sicht (und vielen Blickwinkeln) oder der Geschichte der den Kapitalismus bekämpfenden RAF von 1967 bis Hanns Schleyers Tod 1977. Semi-dokumentarisch, akribisch nach Stefan Austs gleichnamigem Bestseller und enorm vollgepackt mit Fakten, versteht sich. Für mich, dessen Geschichtsunterricht mit der Gründung zweier deutscher Staaten endete, war es durch die Vielzahl von Erzählsträngen, Geschehnissen und Figuren nur schwer möglich, immer folgen und sie in den Kontext setzen zu können. Zeitgeschichte kann also – so beweist der technisch nahezu perfekte Film – durchaus brisant sein, aber eben auch zu voraussetzungsreich und nur schwer verdaulich.
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Kontrapunkt, Kurtz & Knapp | Mit Tag(s) versehen: 96 hours, bernd eichinger, der baader meinhof komplex, inglourious basterds, liam neeson, quentin tarantino, uli edel |
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Verfasst von luzifus