Aus gegebenen Anlass: TV-Tipps

4. September 2009

Regelmäßige TV-Tipps soll es hier keineswegs geben. Das machen andere Blogs wesentlich besser. Sonderlich hilfreich ist es auch nicht, dass sich mein Fernsehkonsum zunehmend auf Kulturzeit, Tracks und Taff reduziert (die gesunde Mischung), aber angesichts der überraschenden geschmacklichen Entwicklung des „Wir lieben Kino“-Senders Tele 5, sei an dieser Stelle mal eine Ausnahme gemacht, ganz zum Wohle der interkulturellen Bildung unserer Leser natürlich.

Dem ein oder anderen gescheiten Leser mag es schon aufgefallen sein, aber es sind unglaublich subtile Zeichen, welche daraufhin deuten. Eine ganze Kategorie widmet sich seinen Filmen, in jedem zweiten Post wird er erwähnt und über so gut wie jeden seiner Schritte berichtet. Ja, the gaffer ist eine inoffizielle Johnnie To-Fanpage, nur Lutz hat das noch nicht gemerkt, sonst wäre er schon längst verschwunden (wie bei Filmabenden alle Anwesenden, wenn ich eine To-DVD zur Auswahl stelle). In Deutschland ist der Action-Auteur nämlich noch schwer unterschätzt, weshalb es doch ein klitzekleines bisschen verwunderlich ist, dass ausgerechnet Tele 5 dem Mann eine ganze Reihe widmet. Arte wäre die logische Wahl gewesen. Wie dem auch sei, den To-Missionar freut’s, denn da seine Filme hierzulande meist entweder gar nicht, auf DVD oder nur auf Festivals zu sehen sind, läuft die Konfirmation der neu gewonnenen To-Gläubigen etwas schleppend. Fernsehausstrahlungen könnten bei der Erweiterung der Gemeinde also ganz hilfreich sein.

Freitag, 11.09., 23.50 Uhr (Tele 5)

Election (HK 2005) Kritik

Tele 5 ist clever oder der Zufall regiert. Für alle, die Angst vorm klassischen Hongkong-Kino oder den Klischees von diesem haben, weil sie in ihrer Jugend zu vielen John Woo-Filmen ausgesetzt wurden, ist „Election“ vielleicht das perfekte Kontrastprogramm. Ein Gangsterfilm, der sich nicht in unfreiwillig komischen Blutgelagen aufhält, sondern minutiös die perfiden Mechanismen der jahrhundertealten Syndikate in Hongkong (genannt: Triaden) aufbröselt. Für Genrekenner absolut empfehlenswert und erst recht für alle, die Johnnie To nur für den „Typen mit den geilen Zeitlupen und der Gitarrenmusik“ halten. Herrn Tarantino bewarb den Film  übrigens 2005 etwas überschwänglich als „besten Film des Jahres“.

Freitag, 18.09., 23.25 Uhr (Tele 5)

Election 2 (HK 2006) Kritik

Der beste Film des Jahres 2005 war der Vorgänger wohl nicht, das zeigt schon der zwei Jahre später in der Geschichte einsetzende „Election 2″. Der setzt nämlich in jeder Hinsicht noch eins drauf und gehört mindestens in die Top 3 der besten Johnnie To-Filme. Die Geschichte der Triade wird an Hand einer erneuten Wahl von deren Führer weitergesponnen, doch haben nun die politischen Umstände ihren äußerst brutalen Einfluss auf die gar nicht faire Auseinandersetzung der Kontrahenten. Nicht nur eine entlarvende Darstellung der häufig glorifizierten Triaden und eine pessimistische Bestandsaufnahme Hongkongs in seiner Epoche als Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China, sondern auch ein überaus verstörender Thriller.

Freitag, 25.09., 23.45 Uhr (Tele 5)

Fulltime Killer (HK 2001)

Alle, die Johnnie Tos Vielseitigkeit nun kennengelernt haben, dürfen sich in „Fulltime Killer“ an fast schon altmodischer Heroic Bloodshed-Action erfreuen. Zwar kommt der Film auf Grund der fehlenden Radikalität seiner Inszenierung und der überdreht cleveren Story nicht an Tos spätere Actionfilme wie „Exiled“ oder abstrakte Übungen wie „PTU“ heran, aber für kurzweilige Unterhaltung ist gerade auch dank des stets sympathischen Andy Lau in der Hauptrolle gesorgt.

Freitag, 02.10., 23.45 Uhr (Tele 5)

Running Out Of Time 2 (HK 2001)

Eigentlich ein kleiner Aussetzer in dieser Reihe, aber Tele 5 hat anscheinend nix anderes zu bieten. Der erste Teil ist ein brillant in Szene gesetztes und sehr unterhaltsames Katz- und Mausspiel der beiden Stars Andy Lau und Lau Ching-Wan, das mit überraschend sensiblen Seiten auftrumpft und einer der schönsten Busszenen der jüngeren Filmgeschichte. Die Fortsetzung, wiederum mit Lau Ching-Wan, einem der besten Charaktermimen Hongkongs, ist tendenziell überflüssig und leider auch noch mit Hongkongs charismalosen Holzblock Nummer Eins, Ekin Cheng, geschlagen.

(via)


Kontrapunkt: Geplatzte Träume

25. August 2009

Der zerstörte Blick auf eine Beziehung, unerfüllte Liebe oder politische Erfolglosigkeit: drei sehr verschiedene Filme. Und einer davon ist manchmal sogar lustig.

Faubourg Saint-Denis (F/FL/CH 2006)

Der Beitrag von Tom Tykwer zur Kurzfilm-Kompilation „Paris je t’aime“ ist so, wie man es von einem der innovativsten deutschen Filmemacher gewohnt ist: schnell geschnitten, originell und emotional. Perfektes Kino eben über einen Zeitraum von sieben Minuten. Thomas (Melchior Beslon) wird von seiner Freundin Francine (immer noch zum Dahinschmachten süß: Natalie Portman) angerufen, die offensichtlich die Beziehung beenden möchte. Er erinnert sich daran, wie er die angehende Schauspielerin Francine beim Proben kennen lernte und lässt die gemeinsame Zeit Revue passieren. Dies geschieht im Zeitraffer mit schnellen Bilderfolgen, unterlegt mit einem dynamischen, treibenden Elektronik-Thema – bis zum überraschenden Ende. Ein kraftvolles Liebesdrama im Videoclip-Stil; ebenso rasant wie technisch perfekt. Bei DailyMotion kann man sich selbst überzeugen.

In the Mood for Love (HK/F 2000)

Nachdem mir „My Blueberry Nights“ von Wong Kar-Wai seinerzeit etwas schleppend in Erinnerung geblieben ist, wird er von „In the Mood for Love“ darin noch getoppt. Doch bevor es jetzt von meiner hiesigen Chefin Schläge in den Unterleib hagelt, sei schnell hinzugefügt, dass manchmal – eben hier – aus der Ruhe der Inszenierung auch sehr viel Kraft geschöpft werden kann. Selten wurde eine unerfüllte, oder besser: eine aus moralischen Gründen unmögliche Liebe stilisierter (wiederkehrende Zeitlupen mit ruhigen Musikthemen untermalt), aber auch psychologisch intensiver inszeniert. Man leidet förmlich mit. Und Maggie Cheung und Tony Leung spielen in diesem in den 60er Jahren angesiedelten Liebesdrama auch brillant zwischen Sehnsucht, tiefer Liebe und Moralbewusstsein. Da verzeiht man auch noch die platte Gefängnis-Gitterstäbe-Metapher und das – zumindest für mich – plötzliche Ende in einer Szenenfolge mit großem „Hä?“-Klärungsbedarf.

Horst Schlämmer – Isch kandidiere! (D 2009)

Die von Hape Kerkeling geschaffene Figur, ein Schmuddel-Journalist mit Alkohol- und Benimmproblemen ist bereits zum Kult avanciert. Warum also keinen Kinofilm drehen? Nun, dazu fallen mir mehrere Gründe ein. Die Grundidee, Herrn Schlämmer eine eigene Partei (HSP) gründen und für den Posten des Bundeskanzlers kandidieren zu lassen, ist zwar brillant. Doch gibt es auch in den launigen Interviews mit einigen Politikern kaum satirischen Spitzen auf den veranstalteten Wahlkampfzirkus zu konstatieren, sondern nur eher dümmlichen Klamauk. Selbiger setzt sich fort in einer ins Leere laufenden Nebenhandlung um das von sexueller Begierde geprägte Verhältnis von Schlämmer zu Alexandra Kamp (als sie selbst). Über Politik oder politische Ziele von den Parteien erfährt man wenig und die Spielszenen in diesem semi-dokumentarischen Film ohne wirkliche Handlung sind auch eher peinlich. Eine Handvoll gelungener Gags (u. a. Schlämmer bei Rapper Bushido) und Kerkelings Präsenz sorgen aber zumindest dafür, dass „Isch kandidiere!“ nicht gänzlich missraten ist. Mehr dazu von mir auf MovieMaze – da weisse bescheid!


Unfälle passieren

15. August 2009

Eine neue Ausgabe in der deprimierenden Reihe „Das Hongkong-Kino ist nicht tot“; heute mit Soi Cheang. Nach dem auch in Deutschland auf DVD erhältlichen „Dog Bite Dog“ (Kritik) und dem strangen „Shamo“ ist der ehemalige Regie-Assistent von Johnnie To zu dessen Produktionsfirma Milkyway Image zurückgekehrt, um Accident zu drehen.

Branchen-Insider finden den Film anscheinend ganz toll und bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (2. bis 12. September) wird er im Wettbewerb antreten. Bei Cheang weiß man nie, was kommt, aber der Trailer sieht, trotz der mangelhaften Bildqualität, äußerst vielversprechend aus. Die statischen Bilder urbaner Nächte gehören ja zum Milkyway-house style. Mal sehen, ob Cheangs pessimistische persönliche Note bei einem Produzenten wie To voll zum Tragen kommt. Mit Richie Ren („Exiled“), Louis Koo („Election“) und Michelle Ye („Vengeance“) ist der Thriller  hochkarätig besetzt.

Ein weiterer Pluspunkt: „Accident“ sieht nicht so aus, als würde er sich, wie andere HK-Filme in letzter Zeit,  der chinesischen Zensur anbiedern.


Confession of Pain (HK 2006)

26. Mai 2009

Traumatische Erinnerungen schweben über ihnen wie dunkle Regenwolken in einfallslosen Trickfilmen. Die Vergangenheit ist in  Confession of Pain nicht der Ort, an den man hin und wieder freiwillig oder nicht zurückkehrt. Sie ist der Schatten, der die beiden ungleichen Freunde nicht nur bei jedem Schritt verfolgt, sondern längst in die Gegenwart eingedrungen ist und sich festgekrallt hat. Flashbacks, das zentrale stilistische Element des Films, werden nur selten durch befreiende Schnitte aus dem Jetzt verbannt. Eine klare Linie kann nicht gezogen werden, denn es ist unmöglich. Schuldgefühle verbergen sich in jeder Ecke, im Grunde muss nur der Schleier bei Seite gezogen werden und schon sind sie zu sehen, die Traumata, welche in dem Räumen verweilen, blind gegenüber den Jahren, die vergangen sind.

Und so sitzt der Ex-Polizist und Nun-Detektiv Bong (Takeshi Kaneshiro) jeden Abend in der Kneipe, in der seine Freundin vor Jahren ihre letzten Stunden verbracht hat, bevor sie nach Hause gegangen ist, um sich das Leben zu nehmen. Da sitzt er und trinkt und sieht sie immer wieder warten, als würde er darauf hoffen, dass sie zu ihm kommt, sie gemeinsam den Heimweg antreten und alles ist wie vorher. Sein Ex-Kollege und Freund Hei (Tony Leung Chiu-Wai), der soeben seinen Schwiegervater brutal ermordet hat, reproduziert seine Erinnerungen in jeder einzelnen seiner Taten. Beide stehen in „Confession of Pain“ am Scheideweg; die einfache Frage: Loslassen oder nicht?

Eines kann man dem Blockbuster-Team um Andrew Lau, Alan Mak und Felix Chong ganz sicher nicht vorwerfen: Dass sie sich wiederholen. Zwar ziert ihre an Hollywood orientierte Hochglanzoptik in Variationen alle ihre Kollaborationen („Infernal Affairs I-III“, „Initial D“ und „Confession of Pain“). Die Produktionsprämissen ähneln sich von Film zu Film – man nehme alle Stars, die man in einem Frame unterbringen kann und füge sie in eine High Concept-Story ein – greifen sie jedoch auf klassische Erzählmotive des Hongkong-Kinos zurück, ringen die drei den angestaubten Konstruktionen selbst dann noch ungewohnte Aspekte ab, wenn sie am bereits dritten Aufguss einer Geschichte werkeln.

Infernal Affairs basiert beispielsweise auf Schemata, die das HK-Kino seit den Achtziger und Neunziger Jahren bis zum Erbrechen durchexerziert hat. Reagierend auf den Anachronismus, den die sentimentalen, oftmals dualistisch aufgebauten Gangstergeschichten im neuen Jahrtausend darstellen, behandelt der Film seine beiden Hauptfiguren wie Antagonisten, die ihren Konflikt anders als Danny Lee und Chow Yun-Fat in „The Killer“ niemals auflösen können. Erzählt wird das ganze mit der drehbuchtechnischen Professionalität eines Hollywood-Films. In der Fortsetzung wird die Vorgeschichte dann als episches Gangsterdrama im Geiste von „Der Pate II“ präsentiert und in „Infernal Affairs III“ die Handlungsstränge im Rahmen eines komplexen Psychothrillers zu ihrem Ende gebracht.

Nach all dem Tod und Verderben nahmen sich die Herren einer Manga-Verfilmung an, der durchaus sehenswerten Antwort auf „The Fast & The Furious“ namens Initial D. Ein ziemlich simpler Autostreifen für die Jugend sozusagen als Zwischenstopp vor der Rückkehr ins düstere Fach. Die heißt nun Confession of Pain und ist wohl ihre letzte Zusammenarbeit. Ein fast schon klassischer Krimi – der Detektiv wird auf den Mörder, seinen Freund, natürlich angesetzt – der seinen Suspense nicht aus der Whodunnit-Frage zieht, sondern aus dem Warum. Warum hat der überaus korrekte Polizist mit dem Bilderbuchleben den Vater seiner Frau ermordet? Ein Katz- und Mausspiel ist „Confession of Pain“ deshalb, der Mörder Hei hilft seinem Freund nämlich auch noch bei den Ermittlungen. Wieder das dualistische Prinzip mit zwei Therapie-bedürftigen Figuren, die am Ende nicht gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten können. Diesmal weil ihre Methoden der ‘Traumabewältigung’ diametral entgegengesetzt sind.

Schlussendlich verlaufen sich Lau, Mak und Chong ein wenig im Labyrinth der Erinnerungen, haben sie sich doch  noch mehr ‘Erzählung’  aufgebürdet als in den vorherigen Werken. Das läuft alles nachvollziehbarer und spannender als in Infernal Affairs III, in dem die Idee der herumspukenden Geister der Erinnerung ad absurdum geführt wurde. Gleichwohl finden sich die Macher in den letzten Minuten in überflüssigen melodramatischen Gefilden wieder, welche den visuell ungewöhnlichen Film mit sich in die Untiefen der Konvention ziehen.


Frame: Der Drache

5. Mai 2009

Image Hosted by ImageShack.us

Im Zentrum des Bildes steht er und wehrt die heranbreschenden Gegner ab. Effizient ein Schlag nach dem anderen, als müsse der Kopf nicht mehr mitdenken, als seien die Bewegungen schneller ausgeführt als der Instinkt sie gebietet. Die Kamera fixiert Lee, alle anderen sind nur eine Ansammlung von Armen und Beinen, welche sich dem Unbesiegbaren chancenlos entgegenstellt.

Vielmehr ist der Mann mit der Todeskralle im Spiegelkabinett dann auch nicht. Denn seine Wunden trägt Lee nicht als Embleme körperlichen Leidens, sondern völlig unbeachtet. So glänzen sie nicht von ungefähr wie aufgemalte Farbtupfer.

Keiner wird gegen ihn angekommen, gegen seine brennende physische Präsenz auf der Leinwand; die bedrohlichen Kampfschreie, die mehr nach innen als nach außen gerichtet zu sein scheinen. Wenn er kämpft, gegen einen, zehn, hundert Gegner, steht da eigentlich nur er selbst und ihn gilt es zu überwinden.

Frame: Der Mann mit der Todeskralle (USA/HK 1973); Regie: Robert Clouse


Chef, my ass!

24. April 2009

Eben noch für das Cannes Filmfestival ausgewählt, nun mit einem neuen Trailer am Start. Vengeance, der neue Film von Johnnie To, startet in knapp einem Monat in den französischen Kinos, so dass die Marketingmaschinerie langsam in Gang kommt.

Der zweite Trailer gibt nicht nur einen besseren Eindruck von der Story und den Englischkenntnissen Johnny Hallydays und Anthony Wongs. Als Bösewicht darf anscheinend Dr. Lamb höchstpersönlich – Simon Yam – auftreten, der hier übercool mit Sonnenbrille und Gewehr daherkommt. Auch wenn die etwas konventionelle Musik nicht an die des ersten Trailers herankommt, steigert sich beim Anblick Hallydays, der überaus gelassen Leute niedermäht, die Vorfreude langsam ins Unermessliche.

Ob Vengeance Johnnie To nun endlich zum internationalen Durchbruch verhilft, muss man sich unweigerlich bei dieser englischsprachigen Produktion fragen. Schon fürchten oder ersehnen Fans den Gang nach Hollywood. To hat sich für sein erstes internationales Projekt ausgerechnet an das Land von Alain Delon und Jean-Pierre Melville gewendet und das deutet zumindest an, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht gewillt ist, den Pfad eines John Woo zu beschreiten. „Vengeance“ spielt trotz oder gerade wegen des Hauptdarstellers in Hongkong und auch Tos geplantes Remake von Melvilles „Le Cercle Rouge“ wird wohl in seiner Heimat gedreht werden. Genießen wir das, solange wir es noch können.

Bei Wildgrounds gibt es eine YouTube-Version des Trailers.

(via)


Next up: „The Fall“.


So sind wir: Martial Arts-Granaten

19. April 2009

Heute wurden die Hong Kong Film Awards verliehen und auch wenn die Verleihung anscheinend ihren Zenit schon hinter sich hat, sind die Ergebnisse nichtsdestotrotz relevant für die vor sich hin schrumpfende Filmindustrie. Gute Filmen, die es zu belohnen gilt, kommen ja immer noch aus der Sonderverwaltungszone. Die 28. HK Film Awards boten jedenfalls eine hübsche Mischung aus Überraschung und Genugtuung.

Favoritin des Abends war New Wave-Größe Ann Hui, die schon letztes Jahr mit „The Postmodern Life of My Aunt“ vertreten war und bei der nächsten Verleihung wohl mit „Night and Fog“ antritt. The Way We Are heißt ihr diesjähriger Wettbewerbsbeitrag, der in allen wichtigen Kategorien gewonnen hat. Außer beim Besten Film. Der ging seltsamerweise an Wilson Yips Martial Arts-Epos Ip Man über den Lehrmeister von Bruce Lee. Nach „The Warlords“ wurde also wieder ein großer, vom Festland koproduzierter Blockbuster zum Sieger gekürt. Ein zweiter Teil ist schon geplant.

Wesentlich „genugtuender“ war da der Sieg von Nick Cheung („Exiled“) als Bester Hauptdarsteller für „The Beast Stalker“. Mit Cheung ging es mir anfangs ähnlich wie mit Andy Lau: Ich konnte ihn ü b e r h a u p t nicht leiden, geschweige denn sehen. Nach und nach hat sich der zunächst hölzerne Mime mit markanten Nebenrollen aber nicht nur in mein Zuschauerherz gespielt. Der einst als billige Kopie von Stephen Chow verschriene Nick Cheung ist nun endlich ein ordentlicher Charakterdarsteller, der bestimmt auch in den nächsten Jahren nominiert werden wird.

In Dante Lams sehenswertem Krimi The Beast Stalker hat er mit seiner vielschichtigen Darstellung den Beweis dafür abgeliefert und lässt einen selbst die schrecklichen Heulszenen von Nicholas Tse vergessen.

Ein Auszug der Gewinner:

Best Film
The Way We Are
Red Cliff [Kritik]
CJ 7
Painted Skin
Ip Man [Kritik wird folgen]

Best Director
Ann Hui On Wah (The Way We Are) [Kritik wird folgen]
Johnnie To Kei Fung (Sparrow) [Kritik]
John Woo (Red Cliff)
Benny Chan (Connected)
Yip Wai Shun (Ip Man)

Best Screenplay
Susan Chan Suk Yin, Sylvia Chang, Mathias Woo (Run Papa Run)
Lou Shiu Wa (The Way We Are)
Gordon Chan Ka Seung, Lau Ho Leung & Kwong Man Wai (Painted Skin)
Jack Ng & Dante Lam (The Beast Stalker)
Ivy Ho (Claustrophobia)

Best Actor
Louis Koo (Run Papa Run)
Simon Yam (Sparrow)
Tony Leung Chiu Wai (Red Cliff)
Nick Cheung Ka Fai (The Beast Stalker) [Kritik wird folgen]
Donnie Yen (Ip Man)

Best Actress
Paw Hee Ching (The Way We Are)
Prudence Liew (True Women For Sale) [Kritik wird folgen]
Barbie Hsu (Connected)
Zhou Xun (Painted Skin)
Karena Lam (Claustrophobia)

Best Supporting Actor
Zhang Feng Yi (Red Cliff)
Stephen Chow (CJ 7)
Liu Kai Chi (The Beast Stalker)
Lam Ka Tung (Ip Man)
Fan Sui Wong (Ip Man)

Best Supporting Actress
Nora Miao (Run Papa Run)
Chan Lai Wun (The Way We Are)
Zhao Wei (Red Cliff)
Race Wong (True Women For Sale)
Sun Li (Painted Skin)

Best New Performer
Monica Mok (Ocean Flame)
Zhang Yu Qi (All About Women)
Juno Leung (The Way We Are)
Lin Chi Ling (Red Cliff)
Xu Jiao (CJ 7)

Die restlichen Gewinner findet man hier. Eine Fotogalerie zur Show gibt’s bei xinhuanet.


Frame: Bürofußball

18. April 2009

Fünf Bodyguards bei der Arbeit. Sie kennen einander nicht und müssen doch im Notfall wie eine gut geölte Maschine funktionieren. Stumm übernimmt da jeder die ihm zugedachte Position. Kommuniziert wird – wenn überhaupt – über Blicke, die Körpersprache. Schritt für Schritt wachsen sie zusammen; sind mehr als nur Gruppe, sind ein Organismus. Ein Wesen, das sich elegant durch Malls, Häuserschluchten und Büros schlängelt. Wachsam und auch im Ausnahmezustand so präzise, als wüsste die rechte Hand  im voraus schon, was die linke als nächstes tut.
Wie besser den entstandenen Zusammenhalt zeigen, als mit einer kleinen weißen Papierkugel, die während der endlosen Warterei spielerisch herumgereicht wird? Wortlos natürlich.

Frame: The Mission (HK 1999); Regie: Johnnie To


Johnnie To mange Chuck Norris au petit-déjeuner

10. April 2009

Dieser Post soll weniger als Beweis meiner verkümmerten Französischkenntnisse dienen, als vielmehr auf den ersten Trailer für Johnnie Tos neuen Film Vengeance hinweisen. Nachdem der Teaser bereits die Markenzeichen des Regisseurs angedeutet hatte, breiten die eineinhalb Minuten, die unten zu sehen sind, die volle Actionpracht des Meisters aus. Die Inszenierung wandelt auf „Exiled“-Pfaden, nur erscheint hier alles etwas düsterer, mit einem Schuss mehr Melville und weniger Peckinpah.

Vengeance ist nun offiziell mein Kino-Highlight des Jahres 2009, weil der Film erstens verdammt nochmal von Johnnie To ist und weil zweitens Anthony f***ing Wong hier eine Schießerei mit einer Kippe im Mund bestreiten darf.

Zurück zur ‘objektiven’ Berichterstattung: „Vengeance“ ist eine französisch-chinesische Koproduktion, die am 20. Mai in Frankreich startet. Wahrscheinlich wird der Film wenige Tage vorher in Cannes Premiere feiern. Die Hauptrolle spielt Johnny Hallyday, der als Ex-Killer und Koch nach Hongkong kommt, um sich an den Mördern der Familie seiner Tochter (Sylvie Testud) zu rächen. Dabei bekommt er Hilfe von den HK-Killern Anthony Wong, Lam Suet und Lam Ka-Tung. Tos Lieblingsschauspieler Simon Yam spielt natürlich auch mit. Das Drehbuch stammt von Wai Ka-Fai. Die offizielle Homepage zum Film ist seit kurzem online.

(via)

Weil es so schön war, hier nochmal der amerikanische Trailer für Johnnie Tos Exiled:


Johnnie To: Breaking News (HK/VRC 2004)

27. März 2009

Die Hongkonger Polizei steckt in einer Publicity-Krise. Soeben ist die Überwachung einer Bande von Gangstern zu einer blutigen Schießerei in den Straßenschluchten der ehemaligen Kronkolonie ausgeartet. Die Medien haben das Desaster naturgemäß eingefangen, das Versagen angeprangert. Die Gangster sind nämlich auch noch entkommen. Kommissar Wong (Simon Yam) beauftragt die in Publicity-Fragen versierte Rebecca Fong (Kelly Chen) mit der Schadensbegrenzung. Um die Berichterstattung der Medien nach ihren Gunsten zu lenken, versorgt sie das Fernsehen gleich selbst mit dem Sendematerial: Polizeieinheiten werden kleine Kameras verpasst, die Aufzeichnungen musikalisch untermalt und effektheischend wie in einem Task Force-Werbefilm zusammengeschnitten. Währenddessen spürt Cop Cheung (Nick Cheung) die Flüchtigen (u.a. Richie Ren) in einem Wohnblock auf und eine kräftezehrende Belagerung beginnt.

Als Mediensatire wird Johnnie Tos Breaking News ebenso gern gelobt wie kritisiert. Eine offene Einladung dazu bieten in gewisser Weise der Plot und erst recht die TV-Schnipsel, welche To à la Zapping International komplett mit Rauschen immer mal wieder einfügt, um die Medienberichterstattung sozusagen als parallele Realität in den Film zu integrieren. Dass „Breaking News“ die gegenseitige Instrumentalisierung von Medien, Polizei und Gangstern hin und wieder mit einem ironischen Unterton kommentiert, erhebt den Film allerdings noch lange nicht in den Status einer Mediensatire. Es ist, betrachtet man den 90-Minüter, auch zweifelhaft, ob es To und seinem Milkyway-Team überhaupt darum geht. Etwas schmunzelt man schon, wenn die auf Imagepflege bedachte Polizei bei der Belagerung eine Mittagspause einführt, ganz uneigennützig die wartenden Journalisten mit verköstigt und die Gangster der Öffentlichkeit anschließend ihr eigenes gemütliches Essen mit einem als Geisel gehaltenen Vater und seinen beiden Kindern präsentieren. Doch irgendwie führt das alles zu nichts. Zumindest wenn man am Ende so etwas wie eine Pointe der Satire erwartet. Wenn To Gesellschaftsstrukturen kritisch anpackt wie beispielsweise im „Election“-Doppelschlag, sieht das Endergebnis anders aus.

Zunächst einmal befriedigt Breaking News – keine große Überraschung bei dem Regisseur – aber als kurzweiliger Actionthriller. Zwar fehlt es dem Film ganz und gar an der melodramatischen Überdrehtheit eines „Fulltime Killer“, dem düsteren Nihilismus von „The Longest Nite“ oder auch dem Zeitlupen-Heroic Bloodshed aus „Exiled“. Doch wie üblich enttäuschen Tos Inszenierungskünste nicht. Vielmehr kann man es fast schon als etwas prahlerisch bezeichnen, wenn der Regisseur seinen Film mit einer sieben Minuten langen Plansequenz eröffnet. Es wird zwar nicht die letzte des Films sein, doch sicher ist der Auftakt ungemein spektakulär. Orson Welles und Robert Altman hat man es aber auch verziehen.

Gemächlich wandert der ungeschnittene Blick von der Skyline der Stadt auf eine gewöhnliche Straße, um nach der Etablierung des Schauplatzes sofort in die Wohnung der Gangster zu schwenken, die sich zum Aufbruch bereit machen. Hinab geht es dann wieder zu den observierenden Polizisten im Auto. Schwenk für Schwenk, Fahrt für Fahrt baut To langsam die Spannung bis zur Schießerei auf, die immerhin vier Minuten auf sich warten lässt. Die Gangster verlassen das Gebäude, misstrauische Blicke werden ausgetauscht, arglose Streifenpolizisten mischen sich ein. Fast scheinen die Uniformierten beruhigt, ihr Leben gerettet, doch ein einziger Fingerzeig genügt und der Sturm bricht los. Von einer Front zur nächsten schnellt die Kamera, während der Schusswechsel seinen Lauf nimmt, ohne dabei die Hektik der frühen Filme des Regisseurs oder anderer HK-Größen anzustreben. Die Ästhetik ist bis ins Detail kontrolliert, also zu keiner Zeit diffus, denn „Breaking News“ zeigt Johnnie To im Mantel des Marionettenspielers. Eine Vorgehensweise ist das, welche die Distanzierung des Zuschauers nicht notwendigerweise mit einschließen muss.

Betrachtet man etwa The Mission (1999), einen Actionfilm, der einem architektonischen Grundriss voller diffizil aneinander gefügter geometrischer Formen gleicht, brilliert der formal überragende Regisseur da ebenso durch eine vergleichsweise subtile Figurenzeichnung. Eine solche geht „Breaking News“ allerdings ab. SchauspielerInnen wie Kelly Chen, Nick Cheung oder Richie Ren gehören in variierenden Graden leider zum Typ „kühle Fassade“. Es wäre also gewagt, zu behaupten, der Film ringe dem Zuschauer irgendeine Form emotionaler Involvierung ab. Andererseits handelt es sich hier wohl um Tos abstrakteste Auseinandersetzung mit seinem Lieblingsthema: Das Schicksal. Denn das in den ersten sieben Minuten geschilderte Geschehen setzt wie der Finger eines erbarmungslosen Dominospielers eine geradezu unabänderliche Ursache-Wirkungskette in Gang, perfekt visualisiert durch das verbindende Element des Kameraauges.

Gerade Tos Gangsterfiguren sind unfähig, dauerhaft von ihrem Weg abzukommen und einen anderen zu wählen. Es ist dieser Pfad – im Grunde vergleichbar mit der in Infernal Affairs zitierten Avici-Hölle – den Figuren wie Blaze, Lok, Jimmy und Co. mehr oder weniger freiwillig bis zum Ende gehen. In der Trilogie von Alan Mak und Andrew Lau liegt das angehäufte Karma dem Schicksal der Figuren zu Grunde. Das führt die Story soweit, dass quasi jede böse Tat mit dem Tode oder der Hölle auf Erden bestraft wird; ein Schema, welches besonders mit Kenntnis des zweiten Teils ersichtlich wird. In Running on Karma (2003) ging To einen Schritt weiter als seine Kollegen und behandelte Karma als eine sich über Generationen hinweg auswirkende Kraft.

Vielfach bilden die Tätigkeiten des organisierten Verbrechens jedoch den Rahmen seiner Explorationen. Variierend zwischen den klassischen HK-Gangstern, welche wie mittelalterliche Schwertkämpfer ihrem Kodex ohne Rücksicht auf die eigene Person folgen, und berechnenden, machtgierigen Bossen, sind seine Figuren in den Mechanismen der Schwarzen Gesellschaft gefangen. Die so gut wie vollkommene Abwesenheit handelsüblicher Motive der Gangster in Breaking News bestätigt Tos in diesem Fall geradezu radikal abstrakte Herangehensweise an das Thema. Austauschbare Hauptdarsteller schultern hier Rollen, die nicht viel mehr als die Bezeichnung „Gangster“ oder „Polizist“ verdienen. Durch die Strukturen ihrer jeweiligen Institution (Triaden/Unterwelt und Polizei) vorbestimmt, müssen Gangster Raubüberfälle und Auftragsmorde begehen und die Polizisten sie eben bis zum bitteren Ende jagen. Ein Abweichen ist durch die Regeln des Spiels ausgeschlossen, was der Film noch einmal unterstreicht, wenn Cop Cheung während einer Schießerei auf die Frage „Und warum wirst du nicht Killer?“ zurückfragt „Je daran gedacht, Polizist zu werden?“ und sich anschließend beide Seiten darüber herzlich amüsieren.

To ist ein Regisseur, dem man kaum Abgehobenheit vorwerfen kann. Jedem noch so ausgefallenen Stoff, jeder noch so auffälligen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft Hongkongs oder buddhistischen Glaubenskonzepten versetzt er einen Schuss Zugänglichkeit. „Breaking News“ mag zwar bei näherem Hinsehen wie ein reichlich trockenes, formales Experiment eines allzu selbstsicheren Regisseurs wirken, dessen „Medienkritik“ nicht über die To-üblichen Tricks hinauskommt. Doch glücklicherweise ist das Ergebnis dessen zumindest eine attraktive Ansammlung von Schauwerten. Ein Actionfilm eben. Leider einer der schwächeren des Meisters.


Eine Überdosis Plansequenzen für’s Wochenende:

Breaking News (Opening Shot)

The Player (Opening Shot)

Im Zeichen des Bösen (Opening Shot)

Hard-Boiled (Body Count from Hell)