Visions of China 2009

2. November 2009

China ist groß. Das wissen selbst Menschen, die keinen Zugang zu Wikipedia haben. Seit den frühen 80er Jahren – mit dem ersten Jahrgang der Beijinger Filmakademie, dem u.a. Zhang Yimou und Chen Kaige angehörten – ist die Filmindustrie im Reich der Mitte im Wiederaufbau begriffen. Doch selbst heute ist ihr kommerzielles Potenzial noch nicht vollständig erschlossen, bedenkt man, dass der Ausbau der Kinos noch im vollen Gange ist.

Immer dem potenziellen Konflikt mit der Zensurbehörde SARFT ausgesetzt, bewegen sich die Filme, ob Mainstream oder Kunst, bekanntlich auf dünnem Eis. Auf diesen Konflikt sollte man die Auseinandersetzung mit der fernöstlichen Filmindustrie jedoch nicht reduzieren, auch wenn das deutsche Feuilleton leider dazu neigt. Konform oder kritisch – das sind Kategorien, die jegliche Grautöne vermissen lassen. Kann man die Werke von Feng Xiaogang unbeachtet lassen, weil er Star-Vehikel dreht, welche die Kassen füllen, statt mit der Handkamera verbotenerweise in Shanghai unterwegs zu sein? Das Filmfestival Visions of China bot jedenfalls eine hervorragende Gelegenheit, sich mit einer Auswahl von kleinen und großen Filmen dem aktuellen Geschehen im Filmland China anzunähern, die nicht zum üblichen Festival-Futter gehören. In einem Special, das beim MANIFEST erschienen ist, kann man nun etwas über die diesjährige dritte Ausgabe des Festvals lesen.


Geisha vs Ninjas (J 2008)

10. September 2009

Robogeishas, Machine Girls und die Gore Police – die Japaner wissen, wie man Fans mit eingängigen High Concept-Titeln den Mund wässrig macht. Wer bei Geisha vs Ninjas nun einen blutigen Abstecher in anarchische Trashgefilde erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Trashig ist der Low Budget-Film zwar auf eine sehr erheiternde Weise allemal, aber auch ziemlich straightforward, weder subversiv noch geschmacklos und stellenweise sogar ernst. Größter Kritikpunkt ist allerdings die nur geringe Anzahl von Ninjas, deren prominentes Auftreten der Titel schließlich verspricht, aber vielleicht hatten die ja alle Angst vor der gut gekleideten Dame. An den  Ersatzkämpfern, welche sich der mit dem Schwert antretenden Geisha in den Weg stellen, ist aber auch nichts auszusetzen. Mehr über ihren Rachefeldzug kann man beim MANIFEST nachlesen.


Recyclo Transformers (PH 2007)

6. September 2009

Nicht nur haben die Hauptdarsteller so fantastische Namen wie Ramon ‘Bong’ Revilla Jr. und Dingdong Dantes (Dingdong klingt wesentlich eingängiger als Edmond), nein, der Titel ist auch noch ein sicher nicht intendierter Kommentar zur Quelle der Inspiration von Regisseur Mark A. Reyes. Egal, ob sich Reyes dessen bewusst war oder nicht, sein „Transformers“-Verschnitt recycelt nicht nur bekannte Motive aus noch bekannteren Hollywoodfilmen, sondern trägt mit seiner Betonung philippinischer Selbstbestimmung und -verteidigung im Angesicht einer Alien-Invasion auch sein gewaltiges Selbstbewusstsein zur Schau. Recyclo Transformers ist wohl die Art Film, welche man nach Ansicht eines Streifens von Brillante Mendoza („Kinatay“) anschauen muss, um den Sprung aus dem Fenster zu verhindern. Meine Kritik zu diesem filmischen Antiserum findet man beim MANIFEST.


Aus gegebenen Anlass: TV-Tipps

4. September 2009

Regelmäßige TV-Tipps soll es hier keineswegs geben. Das machen andere Blogs wesentlich besser. Sonderlich hilfreich ist es auch nicht, dass sich mein Fernsehkonsum zunehmend auf Kulturzeit, Tracks und Taff reduziert (die gesunde Mischung), aber angesichts der überraschenden geschmacklichen Entwicklung des „Wir lieben Kino“-Senders Tele 5, sei an dieser Stelle mal eine Ausnahme gemacht, ganz zum Wohle der interkulturellen Bildung unserer Leser natürlich.

Dem ein oder anderen gescheiten Leser mag es schon aufgefallen sein, aber es sind unglaublich subtile Zeichen, welche daraufhin deuten. Eine ganze Kategorie widmet sich seinen Filmen, in jedem zweiten Post wird er erwähnt und über so gut wie jeden seiner Schritte berichtet. Ja, the gaffer ist eine inoffizielle Johnnie To-Fanpage, nur Lutz hat das noch nicht gemerkt, sonst wäre er schon längst verschwunden (wie bei Filmabenden alle Anwesenden, wenn ich eine To-DVD zur Auswahl stelle). In Deutschland ist der Action-Auteur nämlich noch schwer unterschätzt, weshalb es doch ein klitzekleines bisschen verwunderlich ist, dass ausgerechnet Tele 5 dem Mann eine ganze Reihe widmet. Arte wäre die logische Wahl gewesen. Wie dem auch sei, den To-Missionar freut’s, denn da seine Filme hierzulande meist entweder gar nicht, auf DVD oder nur auf Festivals zu sehen sind, läuft die Konfirmation der neu gewonnenen To-Gläubigen etwas schleppend. Fernsehausstrahlungen könnten bei der Erweiterung der Gemeinde also ganz hilfreich sein.

Freitag, 11.09., 23.50 Uhr (Tele 5)

Election (HK 2005) Kritik

Tele 5 ist clever oder der Zufall regiert. Für alle, die Angst vorm klassischen Hongkong-Kino oder den Klischees von diesem haben, weil sie in ihrer Jugend zu vielen John Woo-Filmen ausgesetzt wurden, ist „Election“ vielleicht das perfekte Kontrastprogramm. Ein Gangsterfilm, der sich nicht in unfreiwillig komischen Blutgelagen aufhält, sondern minutiös die perfiden Mechanismen der jahrhundertealten Syndikate in Hongkong (genannt: Triaden) aufbröselt. Für Genrekenner absolut empfehlenswert und erst recht für alle, die Johnnie To nur für den „Typen mit den geilen Zeitlupen und der Gitarrenmusik“ halten. Herrn Tarantino bewarb den Film  übrigens 2005 etwas überschwänglich als „besten Film des Jahres“.

Freitag, 18.09., 23.25 Uhr (Tele 5)

Election 2 (HK 2006) Kritik

Der beste Film des Jahres 2005 war der Vorgänger wohl nicht, das zeigt schon der zwei Jahre später in der Geschichte einsetzende „Election 2″. Der setzt nämlich in jeder Hinsicht noch eins drauf und gehört mindestens in die Top 3 der besten Johnnie To-Filme. Die Geschichte der Triade wird an Hand einer erneuten Wahl von deren Führer weitergesponnen, doch haben nun die politischen Umstände ihren äußerst brutalen Einfluss auf die gar nicht faire Auseinandersetzung der Kontrahenten. Nicht nur eine entlarvende Darstellung der häufig glorifizierten Triaden und eine pessimistische Bestandsaufnahme Hongkongs in seiner Epoche als Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China, sondern auch ein überaus verstörender Thriller.

Freitag, 25.09., 23.45 Uhr (Tele 5)

Fulltime Killer (HK 2001)

Alle, die Johnnie Tos Vielseitigkeit nun kennengelernt haben, dürfen sich in „Fulltime Killer“ an fast schon altmodischer Heroic Bloodshed-Action erfreuen. Zwar kommt der Film auf Grund der fehlenden Radikalität seiner Inszenierung und der überdreht cleveren Story nicht an Tos spätere Actionfilme wie „Exiled“ oder abstrakte Übungen wie „PTU“ heran, aber für kurzweilige Unterhaltung ist gerade auch dank des stets sympathischen Andy Lau in der Hauptrolle gesorgt.

Freitag, 02.10., 23.45 Uhr (Tele 5)

Running Out Of Time 2 (HK 2001)

Eigentlich ein kleiner Aussetzer in dieser Reihe, aber Tele 5 hat anscheinend nix anderes zu bieten. Der erste Teil ist ein brillant in Szene gesetztes und sehr unterhaltsames Katz- und Mausspiel der beiden Stars Andy Lau und Lau Ching-Wan, das mit überraschend sensiblen Seiten auftrumpft und einer der schönsten Busszenen der jüngeren Filmgeschichte. Die Fortsetzung, wiederum mit Lau Ching-Wan, einem der besten Charaktermimen Hongkongs, ist tendenziell überflüssig und leider auch noch mit Hongkongs charismalosen Holzblock Nummer Eins, Ekin Cheng, geschlagen.

(via)


Mother’s finest

2. September 2009

Vielleicht hat jeder mit „Thirst“ (zu deutsch „Durst“) von Park Chan-wook gerechnet, als es um die Frage ging, welcher Film dieses Jahr für Südkorea ins Oscarrennen geht und wahrscheinlich wird der Vampirstreifen international für mehr Aufmerksamkeit sorgen. Dass sich die Koreaner (auch an den Kinokassen) stattdessen für ein Drama entschieden haben, in dem eine ältere Witwe die Unschuld ihres geistig behinderten Sohnes in einem Mordfall beweisen will, mag aber einiges über die Qualität von Mother aussagen.

Während „Thirst“ im Wettbewerb lief, wurde Bong Joon-hos aktueller Film ‘nur’ in der Reihe Un Certain Regard in Cannes gezeigt. Am Ende der Kritik zum Film bei Twitch wird dem Regisseur von „Memories of Murder“ und „The Host“ folgendes attestiert: „Can Bong Joon-Ho do no wrong? He probably can. Who knows, maybe one day he even will. But today? Oh mother, today’s not that day. Not by a long shot…

Im Gegensatz zu „Thirst“ hat „Mother“ noch keinen deutschen Starttermin. Aber das war ja eigentlich klar.

(via)


Kontrapunkt: Geplatzte Träume

25. August 2009

Der zerstörte Blick auf eine Beziehung, unerfüllte Liebe oder politische Erfolglosigkeit: drei sehr verschiedene Filme. Und einer davon ist manchmal sogar lustig.

Faubourg Saint-Denis (F/FL/CH 2006)

Der Beitrag von Tom Tykwer zur Kurzfilm-Kompilation „Paris je t’aime“ ist so, wie man es von einem der innovativsten deutschen Filmemacher gewohnt ist: schnell geschnitten, originell und emotional. Perfektes Kino eben über einen Zeitraum von sieben Minuten. Thomas (Melchior Beslon) wird von seiner Freundin Francine (immer noch zum Dahinschmachten süß: Natalie Portman) angerufen, die offensichtlich die Beziehung beenden möchte. Er erinnert sich daran, wie er die angehende Schauspielerin Francine beim Proben kennen lernte und lässt die gemeinsame Zeit Revue passieren. Dies geschieht im Zeitraffer mit schnellen Bilderfolgen, unterlegt mit einem dynamischen, treibenden Elektronik-Thema – bis zum überraschenden Ende. Ein kraftvolles Liebesdrama im Videoclip-Stil; ebenso rasant wie technisch perfekt. Bei DailyMotion kann man sich selbst überzeugen.

In the Mood for Love (HK/F 2000)

Nachdem mir „My Blueberry Nights“ von Wong Kar-Wai seinerzeit etwas schleppend in Erinnerung geblieben ist, wird er von „In the Mood for Love“ darin noch getoppt. Doch bevor es jetzt von meiner hiesigen Chefin Schläge in den Unterleib hagelt, sei schnell hinzugefügt, dass manchmal – eben hier – aus der Ruhe der Inszenierung auch sehr viel Kraft geschöpft werden kann. Selten wurde eine unerfüllte, oder besser: eine aus moralischen Gründen unmögliche Liebe stilisierter (wiederkehrende Zeitlupen mit ruhigen Musikthemen untermalt), aber auch psychologisch intensiver inszeniert. Man leidet förmlich mit. Und Maggie Cheung und Tony Leung spielen in diesem in den 60er Jahren angesiedelten Liebesdrama auch brillant zwischen Sehnsucht, tiefer Liebe und Moralbewusstsein. Da verzeiht man auch noch die platte Gefängnis-Gitterstäbe-Metapher und das – zumindest für mich – plötzliche Ende in einer Szenenfolge mit großem „Hä?“-Klärungsbedarf.

Horst Schlämmer – Isch kandidiere! (D 2009)

Die von Hape Kerkeling geschaffene Figur, ein Schmuddel-Journalist mit Alkohol- und Benimmproblemen ist bereits zum Kult avanciert. Warum also keinen Kinofilm drehen? Nun, dazu fallen mir mehrere Gründe ein. Die Grundidee, Herrn Schlämmer eine eigene Partei (HSP) gründen und für den Posten des Bundeskanzlers kandidieren zu lassen, ist zwar brillant. Doch gibt es auch in den launigen Interviews mit einigen Politikern kaum satirischen Spitzen auf den veranstalteten Wahlkampfzirkus zu konstatieren, sondern nur eher dümmlichen Klamauk. Selbiger setzt sich fort in einer ins Leere laufenden Nebenhandlung um das von sexueller Begierde geprägte Verhältnis von Schlämmer zu Alexandra Kamp (als sie selbst). Über Politik oder politische Ziele von den Parteien erfährt man wenig und die Spielszenen in diesem semi-dokumentarischen Film ohne wirkliche Handlung sind auch eher peinlich. Eine Handvoll gelungener Gags (u. a. Schlämmer bei Rapper Bushido) und Kerkelings Präsenz sorgen aber zumindest dafür, dass „Isch kandidiere!“ nicht gänzlich missraten ist. Mehr dazu von mir auf MovieMaze – da weisse bescheid!


Quentins Lieblinge

19. August 2009

Ich bin kein Tarantino-Fan, aber zugutehalten muss ich dem Mann, dass er sich über die Jahre hinweg seine Haltung als Filmbuff bewahrt hat. Da ist es nicht verwunderlich, dass alle Welt (oder zumindest diejenige englischsprachiger Filmblogs) derzeit seine Liste der 20 besten Filme der letzten 17 Jahre diskutiert. Warum 17 Jahre? Weil Quentin Tarantino 1992 mit „Reservoir Dogs“ seinen Durchbruch als Regisseur gefeiert hat. Die Liste und das Interview, dem sie entstammt, kann man unten einsehen.

Zu den Filmen: Was zunächst auffällt, ist die Tatsache, dass Tarantino mit „Fight Club“, „Boogie Nights“, „Dazed & Confused“ und „Matrix“ einige übliche Verdächtige für solch ein Unterfangen nennt. Nicht ein obskurer Streifen ist dabei, sind die genannten Filme doch alle außer „Anything Else“ (über den sich jeder zu wundern scheint) in ihren Heimatländern oder bei den Kritikern erfolgreich gewesen. Mit der Auswahl einiger asiatischer Filme, mag das nicht mehr der Multiplex-Mainstream sein, aber wer auch nur seine Fingerspitzen in die fernöstliche Filmwelt taucht, berührt zwangsläufig die genannten Filme von Bong Joon-ho, Park Chan-wook, Tsui Hark oder Takashi Miike. Von Jackie Chan will ich hier gar nicht erst reden.

Überraschungen: Der bereits genannte „Anything Else“, nicht gerade der am meisten gefeierte Film von Woody Allen. „Friday“ mit Ice Cube; die Wahl von „Joint Security Area“, statt des wesentlich bekannteren, aber nicht unbedingt besseren „Oldboy“; mit „Memories of Murder“ und „The Host“ gleich zwei Filme von Bong Joon-ho; …“Speed“?

Besonders lobenswert: „Unbreakable“ würde auch in meiner Liste auftauchen, ebenso wie „The Insider“, obwohl andere Filme der jeweiligen Regisseure mehr Anerkennung bekommen haben. „Shaun of the Dead“ ist auch drin. Schade, dass Simon Pegg nicht in „Inglourious Basterds“ mitspielt.

Seltsam: „Battle Royale“ von Kinji Fukasaku. Mit dem konnte ich bisher weder angetrunken, noch nüchtern etwas anfangen. Der Film soll ja ein gewisses Unterhaltungspotenzial und sogar Sozialkritik enthalten (hab’ ich gehört), aber der beste Film in den letzten 17 Jahren?

Wie dem auch sei, das Video ist durchaus sehenswert, u.a. wegen Tarantinos Aussprache von Shyamalan und seiner Begründung, warum „Matrix“ nicht mehr numero uno in der Liste ist (kann ich nachvollziehen).

Die Liste:

Battle Royale
.
.
Anything Else
Audition
The Blade
Boogie Nights
Dazed & Confused
Dogville
Fight Club
Friday
The Host
The Insider
Joint Security Area
Lost In Translation
The Matrix
Memories of Murder
Supercop (Police Story 3)
Shaun of the Dead
Speed
Team America: World Police
Unbreakable

Das Video:


Unfälle passieren

15. August 2009

Eine neue Ausgabe in der deprimierenden Reihe „Das Hongkong-Kino ist nicht tot“; heute mit Soi Cheang. Nach dem auch in Deutschland auf DVD erhältlichen „Dog Bite Dog“ (Kritik) und dem strangen „Shamo“ ist der ehemalige Regie-Assistent von Johnnie To zu dessen Produktionsfirma Milkyway Image zurückgekehrt, um Accident zu drehen.

Branchen-Insider finden den Film anscheinend ganz toll und bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (2. bis 12. September) wird er im Wettbewerb antreten. Bei Cheang weiß man nie, was kommt, aber der Trailer sieht, trotz der mangelhaften Bildqualität, äußerst vielversprechend aus. Die statischen Bilder urbaner Nächte gehören ja zum Milkyway-house style. Mal sehen, ob Cheangs pessimistische persönliche Note bei einem Produzenten wie To voll zum Tragen kommt. Mit Richie Ren („Exiled“), Louis Koo („Election“) und Michelle Ye („Vengeance“) ist der Thriller  hochkarätig besetzt.

Ein weiterer Pluspunkt: „Accident“ sieht nicht so aus, als würde er sich, wie andere HK-Filme in letzter Zeit,  der chinesischen Zensur anbiedern.


Red Cliff II (VRC 2009)

4. August 2009

Red Cliff IIÜber weite Strecken kommt Red Cliff II wie ein Selbstläufer von einem Film daher. Routiniert navigiert Action-Auteur John Woo seinen Historienfilm mal an das Schlachten-, mal an das komödiantische Ufer, stets auf die Massentauglichkeit bedacht. Souverän, fast schon im Autopilot, werden die strategischen Vorbereitungen der Schlacht heruntergekurbelt, die Finten und Tricks, welche Zhuge Liang (Takeshi Kaneshiro) und Zhou Yu (Tony Leung Chiu-Wai) sich ausdenken, um den übermächtigen Kanzler Cao Cao (Zhang Fengyi) in der zu erwartenden Auseinandersetzung auf See und Land zu besiegen. Woo hat offensichtlich einiges in Hollywood gelernt, was die Konstruktion glaubwürdiger Drehbücher angeht, auch wenn man das zuvor weder „Paycheck“, noch „Mission: Impossible II“ oder gar „Face/Off“ anmerken konnte. Es ist daher schwer vorstellbar, dass die „Red Cliff“-Filme und insbesondere der zweite Teil irgendjemanden nicht unterhalten. Das filmische Äquivalent zu einem süßen Hundebaby sozusagen, mit etwas mehr Blut und Gedärm.

So perfekt ist das Blockbustergerüst zusammengebaut, die Figuren durchgängig hochkarätig besetzt, der Kriegsstoff zu einem unterhaltsamen Abenteuerfilm abgekocht, dass es niemanden vorzuwerfen wäre, wenn das Geschehen auf der Leinwand nach Sichtung dem Vergessen anheim fällt. Das klingt natürlich ziemlich undankbar. Endlich wird für glänzende Unterhaltung gesorgt – fehlerlos inszeniert und noch dazu sympathisch – und trotzdem wird noch ein weit hergeholtes Haar in der Suppe gefunden. Hat John Woo das verdient? Wahrscheinlich nicht, denn es gibt wesentlich schlimmere Machwerke aus aller Herren Länder, welche ebenso nur auf Profit aus sind, diesen aber bewerkstelligen, in dem sie ihre eigenen Kunden beleidigen. Red Cliff kann sogar als Musterbeispiel eines Kinozweiteilers gelten, welcher zunächst Appetit auf mehr macht und eine Steigerung in der Fortsetzung erfährt, ohne sich zu wiederholen oder das homogene Gesamtbild zu stören.

Bei all den positiven Eigenschaften ist aber nicht zu übersehen, dass „Red Cliff II“ vom Schein regiert wird. Es ist  der Schein des großen Dramas, der im ersten Teil noch verbergen konnte, dass Woo überhaupt nicht gewillt ist,  mehr als ein vierstündiges Strategiespiel mit anschließender Schlacht abzuliefern. Mal abgesehen vom Drang Cao Caos, das Land durch den Kriegszug zu vereinen, geht es diesem primär um die Eroberung einer Frau. Zhou Yus, um genau zu sein. Cao Cao ist besessen von dieser wandelnden Vase (fragwürdig blass und zerbrechlich gespielt von Lin Chi-Ling), weshalb die Andeutungen im ersten Teil diesen charismatischen Feldherrn nicht nur zu einem offenbar vielschichtigen Antagonisten werden ließen, sondern auch den Glauben schürten, dass hier in Sachen Charakterisierung mehr lauert, als in einem Woo-Film generell zu erwarten ist. Da Woo sich im Nachfolger auf Oberflächlichkeit beschränkt und dies sich auf alle Figuren auswirkt, kommt der „Red Cliff“-Zweiteiler in Sachen psychologischer Tiefe nicht einmal an Peter Chans The Warlords heran. Diesem etwas pathetischeren Film, sowie seinen Protagonisten war zumindest anzumerken gewesen, dass das Phänomen Krieg von mehr als nur Diskussionen vor der Landkarte und anschließenden heldenhaften Opfern ausgemacht wird.

Gibt das Drehbuch nicht genug her, müssen die Schauspieler diese Schwäche wettmachen und an diesem Punkt zeichnen sich besonders auffällig die Vor- und Nachzüge des Films ab. Tony Leung ist normalerweise ein verlässlicher Mime, doch entweder ist Ang Lees „Gefahr und Begierde“ daran Schuld oder sein kurzfristiges Einspringen bei „Red Cliff“ oder er hatte einfach keinen Bock; sein Auftritt ist – wenn auch kein Totalausfall – gelangweilt, müde und v.a. enttäuschend. Takeshi Kaneshiro guckt in erster Linie verschmitzt und schlägt sich besser als sein platonischer Kompagnon. Der Männerfreundschaft der beiden Protagonisten geht jegliches Konfliktpotenzial ab. Ihre Figuren sind, würden sie nicht von den beiden Stars gespielt werden, vollkommen uninteressant. Dabei zählten männliche Helden bisher immer zu den wenigen soliden Pluspunkten, welche Woo bei der Schauspielerführung für sich verbuchen konnte. Stattdessen wirken Woos Männer hier nur noch wie leere Hülsen. Ihr Dasein wurde vollständig der  hyperemotionalen Tragik beraubt, welche das Schicksal der Armani-Ritter seiner Heroic Bloodshed-Filme abseits der Action so ansprechend hatte erscheinen lassen. Angesichts von „Red Cliff II“ ist es schwer zu glauben, wozu der Mann noch in „Bullet in the Head“ oder „A Better Tomorrow“ im Stande gewesen war. Kein Wunder also, dass Zhang Fengyi wie schon im Vorgänger durch ein paar minimale Anstrengungen seine Kollegen in den Schatten stellt, ohne der Versuchung zu erliegen, einen  stereotypen Bösewicht vom Stapel zu lassen. An der weiblichen Front schlägt sich hingegen die noch immer bezaubernde  Zhao Wei als Spionin im gegnerischen Lager wacker, die zumindest eine Lanze für unabhängige Frauenfiguren in Blockbuster-Schlachtenepen bricht.

Doch „Epos“ ist eigentlich schon zuviel des Guten, denn auch wenn Woo unterhalten kann und seine nicht gerade zu Begeisterungsausbrüchen anhaltendenen Actionszenen Laune machen, kann der Film den Eindruck nicht abschütteln, dass es sich in Wirklichkeit nur um eine „Risiko“-Verfilmung handelt. Eben jenes einzugehen, haben die Macher leider vermieden. Unzählige Figuren, ihr ursprünglich dramatisches Leben und Sterben im Kampf, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schlacht am Roten Felsen nicht vielmehr war als ein Spaß, den sich ein paar clevere Typen 208/9 v. Chr. erlaubt haben. Für einen Abenteuerfilm mag das genügen, trägt der Regisseur den Namen John Woo, ist das leider „nur“ befriedigend.


Zum Weiterlesen:

Red Cliff I


Liebeswahn

20. Juli 2009

Wenn es daran geht, den Inhalt von Sion Sonos Love Exposure wiederzugeben, drückt sich der ein oder andere Kritiker. Verständlich bei diesem 237-Minuten langen Epos, lesen sich die entsprungenen Texte doch meist, als hätten die Autoren keinen Film, sondern einen Hurrikane gesehen. Ein wildes Genre-Mischmasch über Liebe, Katholizismus und einen Helden, der Fotos von Unterhöschen macht. Noch Fragen?

Der Film wird mittlerweile von einem veritablen Hype durch die Festivals dieser Welt getragen. Bei der letzten Berlinale hat er den Preis der Internationalen Filmkritik und den Caligari-Filmpreis gewonnen, dazu kamen vor kurzem ausverkaufte Shows und der Preis der Großen Jury beim New York Asian Film Festival.

„Love Exposure“ startet am 13. August in den deutschen Kinos. Deutschsprachige Kritiken zum Film gibt es beim Manifest, bei Artchechock und Critic.

Trailer via MovieMaze.