Kontrapunkt: Die Filme von Terrence Malick

2. Februar 2010

Gerade einmal vier Filme drehte der Harvard-Absolvent in Philosophie Terrence Malick in einem Zeitraum von 32 Jahren. Nach „Badlands – Zerschossene Träume“ (1973), „In der Glut des Südens“ (1978), „Der Schmale Grat“ (1998) und „The New World“ (2005) ist für 2010 sein neues Projekt angekündigt: „The Tree of Life“. Details über die Handlung um eine Adoleszenzgeschichte werden dabei wie ein Staatsgeheimnis gehütet, in den Hauptrollen werden Brad Pitt und Sean Penn zu sehen sein. Ein Grund mehr, sich einmal mit dem Schaffen dieses pressescheuen und geheimnisvollen, aber nicht desto trotz außergewöhnlichen Filmemachers auseinander zu setzen.

Seine beiden letzten Filme („Der Schmale Grat“ und „The New World“) lassen sich dabei ebenso als Einheit betrachten wie seine ersten beiden („Badlands“ und „In der Glut des Südens“). Die Frage bleibt jedoch bestehen, ob man von einem Früh- und Spätwerk Malicks sprechen kann. Denn zunächst: Allen Filmen von ihm sind mehrere ästhetische Gestaltungsmittel wie Motive gemein. Ein Voice-Over ist in allen vier Filmen zu finden, stets geht es um das Verhältnis vom Menschen zur Natur (illustriert durch zahlreiche Naturaufnahmen) und zu sich selbst, ein Feuer markiert stets einen Wendepunkt in der Story der Filme.

Doch während in „Badlands“ und „In der Glüt des Südens“ ausschließlich jeweils ein junges Mädchen ihre Sicht auf vergangene Ereignisse schildert und somit die jeweiligen Handlungen subjektiv kommentiert, reflektieren in „Der Schmale Grat“ und „The New World“ verschiedene erwachsene Charaktere in inneren Monologen ihr Verhältnis zum Leben, zum Tod und zur Liebe. Man könnte verallgemeinernd festhalten, dass die Naivität und Passivität im Voice-Over der ersten beiden Filme der Reife und Aktion im Voice-Over der letzten beiden gewichen ist. Oder: dass eine Entwicklung stattgefunden hat vom „Ästhetischen Stadium“ hin zum „Religiösen Stadium“ Kierkegaards.

Während „Badlands“ und „In der Glüt des Südens“ eine stringente Erzählung aufweisen, Auslassungen in Handlungsverläufen eher die Ausnahme sind, sind die Narrationen in „Der Schmale Grat“ und – insbesondere – in „The New World“ unzuverlässiger. Zu der elliptischen Erzählweise gesellen sich bebilderte subjektive Erinnerungsbruchstücke und Lücken in der Kausalitätsbeziehung. Auch in den inhaltlichen Motiven unterscheiden sich die ersten beiden Filmen Malicks von den letzten beiden signifikant. Zwar wird in allen vier Filmen das Motiv der unmöglichen Liebesbeziehung aufgegriffen, aber anders aufgelöst. Lassen sich dabei die ersten beiden Filme als Adoleszenzgeschichten begreifen, handeln die letzten beiden von Okkupation.

Badlands (USA 1973)

In „Badlands“ steht die Beziehung von Holly (Sissy Spacek) und Kit (Martin Sheen) schon deswegen unter keinem guten Stern, weil Letzterer Hollys Vater erschießt und bei seiner Flucht weitermordet. Nach anfänglicher An-ziehung und Liebe flachen Hollys Gefühle zu Kit ab und er ergibt sich schließlich freiwillig der Staatsmacht. Holly hat ihn kurz zuvor auf seiner Flucht durch die Badlands von Montana, einer öden Steppenlandschaft, verlassen. Kit ergibt sich in sein vermeintlich vorbestimmtes Schicksal und wird – wie wir im Voice-Over von Holly erfahren – hingerichtet. Die Inszenierung ist lapidar, wirkt zuweilen beklemmend durch die nüchterne Herangehensweise an angespannter Verhältnisse, die in Gewalt eskalieren. Zu nennen ist hier insbesondere Kits Mord an seinem Freund Cato, der sterbend auf dem Bett sitzend von Holly über ein Haustier befragt wird.

In der Glut des Südens (USA 1978)

Die problematische und letztendlich tödlich verlaufende Liebesgeschichte verläuft hier anders. Anfang des 20. Jahrhunderts reisen Abby (Brooke Adams) und Bill (Richard Gere) in den USA umher auf der Suche nach Arbeit. Das Pärchen, das sich offiziell als Geschwisterpaar ausgibt, hat Linda (Linda Manz), Bills kleine Schwester, im Schlepptau. Als sie einen Job bei einem Farmer (Sam Shepard) finden, verliebt sich dieser in Abby. Bill kann jedoch seine Gefühle nicht verbergen, obwohl diese Verbindung ein Leben im Wohlstand für alle bedeuten würde. Wie in „Badlands“ wird die Vaterfigur der Erzählerin letztendlich erschossen. Während in „Badlands“ jedoch das Niederbrennen des Wohnhauses von Holly die Wende in der Geschichte und die gemeinsame Flucht von Holly und Kit bedeutete, ist es hier das Verbrennen des Weizenfeldes bei einer Heuschreckenplage, wo der Farmer gegenüber Bill seinen wütenden Gefühlen freien Lauf lässt und sich der Konflikt zuspitzt.

Der Schmale Grat (USA 1998)

Bei diesem Film ist die durch Entfernung unmögliche Liebesbeziehung nur eine in einem größeren Kontext. Neben den Erinnerungen von Pvt. Bell (Ben Chaplin) an seine Frau und die glückliche gemeinsame Zeit vor seinem Kriegseinsatz werden das individuelle Verhältnis zum Tod und zum Leben ebenso wie die Frage nach dem Ursprung des Bösen thematisiert, welche zum Teil pantheistisch fundiert sind. Das Verhältnis des Menschen zu sich selbst (zu Feind und Vorgesetzten, der eigenen Kultur und des eigenen Lebensstils zu anderen) – in „The New World“ noch stärker herausgearbeitet – bildet den zentralen Bestandteil dieses gleichnishaften Films um die Eroberung der Insel Guadalcanal im Pazifikkrieg. Die Schönheit der Natur steht dabei der Grausamkeit des Krieges, die Liebe zum Leben dem Tod im Kampf gegenüber. Im Gewirr des Krieges hört der Film dabei in zahlreiche Charaktere „hinein“, innere Monologe werden auditiv wahrnehmbar.

The New World (USA/GB 2005)

Noch deutlicher als in „Der Schmale Grat“ geht es hier um Kolonialisierung. Anno 1607 landen britische Siedler in Amerika und sollen unter Führung von Captain Smith (Colin Farrell) eine Siedlung errichten. Dabei verliebt er sich in die Häuptlingstochter (eine Entdeckung: Q’orianka Kilcher) des dortigen Indianerstammes. Doch diese Liebesbeziehung zwischen zwei Kulturen sorgt dafür, dass sich Indianer und Kolonisten immer mehr verfeinden, sich gar bekriegen. Die Diagnose, dass es der durch Ständeschranken, Macht-verhältnisse und Besitzgier charak-terisierten Gesellschaft einer Alternative bedarf – ein Thema, welches in den ersten drei Filmen schon angerissen wurde – wird hier unter kolonialistischen Gesichtspunkten zuende gedacht. Während Pvt. Witt (Jim Caviezel) in „Der Schmale Grat“ die Idealvorstellung des Lebens, das er führen will, in dem Stamm eines indigenen Volkes findet (von dem er sich jedoch entfremdet), wird diese vorsündige Kultur in „The New World“ entweder vertrieben, zunehmend ausgerottet oder unter Aufgabe der natürlichen Identität in die eigene hineingezwungen. Aus diesem Grunde muss auch die (doppelte) Liebesgeschichte in „The New World“ tragisch enden.

Man kann diese Ausführungen – von Rezensionen kann dieses Mal kaum die Rede sein – als Prämisse verstehen. Als Mutmaßung um den Film, den uns der öffentlichkeitsscheue Filmemacher und Drehbuchautor im Jahre 2010 präsentieren wird. Ich, als Fan seiner ruhigen und tiefgründigen Erzählweise, freue mich jedoch schon auf „The Tree of Life“.


Yorkshire Noir

28. Januar 2010

Straßenbahnen sind schon etwas schönes. Wenn sich nicht gerade die studentische Masse darin gegenseitig zu zerquetschen versucht. Doch zurück zum Thema: Straßenbahnen sind etwas schönes, weil sie einem die Gelegenheit bieten, Dinge zu tun, zu denen man im Trubel des Alltags manchmal keine Zeit findet. Anderen Menschen auf die Füße treten beispielsweise oder in (relativer) Ruhe ein Buch lesen. Mit letzterem überbrücke ich tagtäglich die 15 Minuten vom Trabantenviertel in die Innenstadt und dieser Gewohnheit ist es auch zu verdanken, dass ich David Peace’ Krimi “1974″ gestern zu Ende gelesen habe. Um es kurz zusammenzufassen: Da braucht man keinen Kaffee mehr. ”1974″ ist der erste Teil des “Red Riding”-Quartetts, mit dem Peace das Subgenre des Yorkshire Noir in der Literatur begründet hat und ja, nachdem Lesegenuss wird einem jede Romantisierung des englischen Nordens ausgetrieben, was u.a. an der ausufernden Gewalt und der vollkommenen Abwesenheit von Identifikationsfiguren liegt. Yorkshire, das suggeriert Peace, ist ein Höllenloch, in dem die Polizei korrupt, die Journalisten egoistische Trinker und die Reichen perverse Sadisten sind. Peace’ Romane mögen nicht gerade der Stoff für gemütliche Fernsehabende sein, doch das hat den britischen Sender Channel 4 nicht davon abgehalten, das Quartett – zur Trilogie gerafft – zu verfilmen. 19741980 und 1983 heißen die Filme. Inszeniert wurden sie von drei renommierten Regisseuren, einer davon Oscarpreisträger James Marsh (“Man on Wire”). Vor der Kamera sind Veteranen wie Paddy Considine, David Morrissey und Sean Bean zu sehen. Andrew Garfield (“Boy A”) gibt im ersten Teil den jungen Journalisten Eddie, der hinter einigen Fällen vermisster Kinder eine große Story wittert.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel noch: Die Filmtrilogie ist in UK bereits auf DVD erschienen und hat zahlreiche gute Kritiken gesammelt. Nachdem die Filme bei ein paar Festivals für Furore sorgten, wurde sofort ein amerikanisches Remake angekündigt, Ridley Scott soll als Regisseur, Steven Zaillian als Drehbuchautor dahinter stehen. Während Kenner der Story sich also darüber wundern, wie ein Spielfilm diese spezifisch (nord-)englische Geschichte ins Hollywood-Gewand verwandeln soll, kann man unten den Trailer für das Original betrachten.

(via)


Kontrapunkt: DVD-Premieren

27. Januar 2010

Ein Film blieb ihn Deutschland zu Unrecht ein Kinostart verwehrt, dem anderen nicht.

Tenderness – Auf der Spur des Killers (USA 2009)

Russell Crowe schlüpft in diesem psychologisch intensiven Thrillerdrama in die Rolle des leicht untersetzten Polizisten Cristofuoro, welcher einen vorzeitig aus der Jugendhaft entlassenen Psychopathen Eric (Jon Foster) nach seiner Freilassung Schritt auf Schritt verfolgt, um weitere Verbrechen zu verhindern. Als die missbrauchte Lori (großartig: Sophie Traub) zu Eric stößt, weckt das wieder seine Killerinstinkte. Doch das überraschende Finale und die Umkehrung der Machtverhältnisse am Ende lassen den Film nur bedingt in absehbaren Bahnen verlaufen. Eine verstörende, bisweilen durch seine bedächtige und mit Rückblenden etwas verschachtelte Erzählweise anstrengende Independent-Produktion, die jedoch am Ende mit einer in letzter Zeit selten gesehenen Tiefgründigkeit überzeugt. Eine Leih-Empfehlung!

Mutants – Du wirst sie töten müssen! (F 2009)

Leihen indes musst du diese französische Antwort auf „28 Days Later“ nicht, da der Film dem Zombiethriller-Subgenre rein gar nichts Neues hinzuzufügen hat. Ein Virus hat Etliche dahingerafft und die Menschen in Mutanten (seltsamerweise nicht Zombies – aber es kommt aufs Gleiche raus) verwandelt. Eine kleine Gruppe Überlebender – darunter eine Ärztin, die immun zu sein scheint – kämpft in einem Krankenhaus ums Überleben, bis die militärische Rettung eintrifft. Neben zahlreichen, nervig verwackelten und ultrabrutalen Mutanten-Angriffen mit hohem Gore-Faktor deutet der Film ein Drama um Liebe und Verantwortung an, welches jedoch oberflächlich bleibt und beim Zuschauer nur Gähnen hervorruft. Nette, fröstelnde Atmosphäre (winterlicher Wald) und ausgebleichte Bilder, aber nicht mehr als Dutzendware. Links liegen lassen, wenn man kein Genre-Fan ist!


Kontrapunkt: Trash V

19. Januar 2010

Als Unterkategorie würde mir dieses Mal am ehesten „Liebe, Sex & Zärtlichkeit“ einfallen, aber das erinnert etwas zu sehr an die entsprechenden Ratgeber in einer Jugendzeitschrift. Apropos:

Die blaue Lagune (USA 1980)

Nicht sehr viel mehr als eine Foto-Lovestory aus der BRAVO, angereichert mit oscarnominierten Postkartenansichten der Flora und Fauna einer exotischen Insel. Dorthin verschlägt es die beiden schiffbrüchigen Kinder Richard und Emmeline, welche nach kurzer Zeit auf sich allein gestellt sind. Alsbald müssen sie die problematische Zeit der Pubertät am eigenen Leib erfahren, ohne mangels Aufklärung so recht zu wissen, was da so vor sich geht. Und diese romantische Naivität der Mann-Frau-Sexualbeziehung macht den dialogschwachen und inhaltlich dürftigen Film irgendwie auch unterhaltend, um nicht zu sagen: belustigend. Die Highlights: Emmaline blutet, ohne sich geschnitten zu haben und das ständig knatternde Paar bekommt plötzlich ein Kind (warum eigentlich?). Auch positiv zu erwähnen: einige Unterwasseraufnahmen, bei der neben zahlreichen Meeresbewohnern auch die entblößte Brooke Shields im zarten Alter von 15 Jahren bestaunt werden kann.

Nowhere – Eine Reise am Abgrund (USA/F 1997)

„L. A. ist wie… Nirgendwo. Jeder der dort lebt, ist verloren.“ Wahrlich keine aufbauenden Worte, die diesem beklemmenden, aber in Deutschland leider wenig bekanntem Mix aus Generation X-Drama und Fantasy aus dem Mund von Hauptfigur Dark (James Duval – der Typ im Hasen-Kostüm aus „Donnie Darko“) vorangestellt sind. Eine Handvoll Jugendlicher (u. a. Christina Applegate, Ryan Phillippe, Mena Suvari und Scott Caan) sucht in einer Welt, die kurz vor dem Zusammenbruch steht, nach Liebe und Halt, findet aber nur Sex. Dieser wird in einer Parallelmontage in seinen verschiedenen Variationen inklusive Bondage und einer Vergewaltigung nebeneinander gestellt. Der im Ansatz originelle und in Botschaft nachdenkenswerte Film irritiert jedoch mit einigen unnötigen Motiven: Einige groteske Überzeichnungen, die Invasion eines Echsen-Aliens und eine unmotivierte Referenz an Kafkas „Die Verwandlung“ sind einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Verlorenheit der Jugend nicht gerade zuträglich. Alles in allem aber sehenswert!

Robin Hood und seine lüsternen Mädchen (USA/BRD 1969)

In dem Oeuvre von Produzent und Regisseur Erwin C. Dietrich finden sich Filme wie „Die bumsfidelen Mädchen vom Birkenhof“ und „Mädchen, die nach Liebe schreien“. Allesamt also Meisterwerke der Filmkunst – und dieser Erotik-Trash, der die klassische Geschichte vom Helden der Armen mit zahlreichem unerotischen Rumgepimper im Waldlager aufpoppt… ähhh -peppt, gehört dazu. Leider sind die Kopulationen zu wenig erotisch, die Dialoge zu überflüssig, wirken die Kampfchoreographien bei den spärlich gesäten Actionszenen zu einfallslos und die Kostüme zu billig. Deswegen hat man bei dieser Titten-Parade mit leckeren Frauen, bei der die Männer stets die Strumpfhosen anbehalten, leider nur bedingt Spaß. Dazu gesellt sich schließlich noch das Schmierentheater einiger Darsteller, die dämliche Handlung (Robin soll mithilfe von Marian aus seinem Versteck gelockt werden) und eine völlig unmotivierte ausgedehnte Folter-Lesbenszene. Ein ganz klarer Fall für den Giftschrank, dieser Murks!


Kontrapunkt: Dr. Caligari vs. Dr. Parnassus

15. Januar 2010

Zwischen beiden Filmen liegen knapp 90 Jahre Filmgeschichte. Von daher stellt sich schon von vornherein die Frage, ob es überhaupt fair ist, den Klassiker des Expressionismus und… nun ja… ein Werk von Terry Gilliam miteinander zu vergleichen. Doch nicht nur im Filmtitel („Das Kabinett des Dr. …“) bestehen Parallelen. Die titelgebenden Figuren sind hier wie dort Schausteller, welche ein dunkles Geheimnis umwebt und beide Filme lassen uns in vollkommen neue Welten eintauchen. Doch genau in letzterem Punkt unterscheiden sie sich erheblich voneinander.

Während weniger Regisseur Robert Wiene als seine Filmarchitekten Walter Reimann, Walter Röhrig und Hermann Warm die Seeelenlandschaften der Hauptfigur(en) mit fragwürdigem geistigen Gesundheitszustand nach außen trugen und somit eine fantastische Welt in die Realität hinein implementierten, sind in Gilliams Werk persönliche Geisteswelt und Realität strikt geschieden. Mit dem Eintreten in einen Spiegel öffnet sich diese Welt der Imaginationen, Wünsche und Triebe, wird „außen“ von „innen“ getrennt. Zunächst einen seltsamen, aus flachen Pappmaché-Bäumen bestehenden Wald durchkreuzend – daran hätten Reimann und Co. durchaus Gefallen gefunden – gelangen die Menschen des zahlenden Publikums in die Sphären ihres Unterbewusstseins, des bunten Märchens ihrer Fantasie. Diese fasziniert und lässt all jene Unzulänglichkeiten in Dialogen und Drehbuch vergessen, die sich während der „Real-Szenen“ dabei umso deutlicher abzeichnen.

Natürlich präsentiert uns der stets zur überdrehten Hektik neigende Gilliam diese Welt als visuelles Knallbonbon, setzt Logik und Größenverhältnisse außer Kraft. Tarsem Singh hatte jedoch mit „The Cell“ einige Jahre zuvor ähnliche, ebenso fremde wie fantastische Welten geschaffen, in denen ebenso wie hier neben der strahlenden Erfüllung von Wunschvorstellungen auch der Wahn, neben dem Bunten auch das Böse zu finden war. Das Motiv dort war die Geisteskrankheit oder Psychose, das Motiv hier ist der Teufel (launig dargestellt von Tom Waits). Der Handlungsraum ist bei Gilliam die scheinbar unendliche Welt, während Wiene eine einzige Stadt genügt. Gilliam entzaubert dabei seine eigenen Bilder, verortet sie als Extraordinäres im tristen Alltag der Schausteller, die nur noch wenige Menschen mit ihren Künsten und Zaubertricks zu fesseln vermögen. Wer dahinter eine Analogie zum Kino und die einbrechenden Umsatzzahlen vermutet, liegt richtig. Das Publikum und Gilliam, der sich spätestens seit „Brothers Grimm“, seinem schlechtesten Film, als Zelluloid-Zauberer versteht, haben – kommerziell gesehen – ein angespanntes Verhältnis. Und während „Dr. Caligari“ seinerzeit zum internationalen Kassenerfolg avancierte, spielte „Dr. Parnassus“ weltweit bisher gerade seine Produktionskosten wieder ein.

Durch seine internationale Bekanntheit wirkte „Dr. Caligari“ ebenso wie weitere Produktionen des Deutschen Expressionismus ihrerzeit stilprägend, beeinflussten insbesondere die Beleuchtungsmethoden des Film Noir sowie des modernen Horrorfilms. „Dr. Parnassus“ jedoch bleibt ebenso wie sein ambitionierter Regisseur ein Gesicht in der Menge. Die Narration beginnt, sich in den Szenenfolgen der Logik zu entledigen – Collin Farrell als Heath Ledger-Ersatz hetzt durch seine zerbrechende Imaginationswelt. Gilliam schwingt auf zum furiosen Bildersturm, bietet visuelle Effekte aus dem Computer en masse und offenbart die Seelenlosigkeit hinter den Bildern, während es Wiene und seinen Filmarchitekten mangels digitaler Technologie aber mit perfekter handwerklicher Technik gelang, die Vision im Kopf des Zuschauers tatsächlich entstehen zu lassen. Während „Dr. Caligari“ noch der Ort der Imagination, die Welt hinter dem Spiegel war, stellt sich „Dr. Parnassus“ davor auf, um sich mit einer Verbeugung für jene gute Show zu bedanken, die er selbst leider nicht mehr leisten konnte.


Kontrapunkt: Keine Jugendfreigabe II

12. Januar 2010

Weil es so schön war und meine DVD-Lieferung aus Österreich eingetroffen ist, gleich noch mal.

Predator 2 (USA 1990)

Hier hetzt nicht mehr Arnie unter der Regie von Actionspezialist John McTiernan durch den Urwald, sondern Danny Glover unter Allerwelts-Filmemacher Stephen Hopkins durch den Großstadtdschungel. Das sind eigentlich auch schon die größten Probleme des Films. Selbst bei nur sporadisch auftretenden Action-sequenzen kommt kein Tempo auf und die handwerkliche Perfektion fehlt der soliden, aber nicht überragenden Inszenierung. Danny Glover wirkt als cleverer Bulle auf Alienjagd in L.A. etwas zu steif und behäbig, um als Actionheld durchzugehen. Auch das Finale gerät allzu enttäuschend und verläuft im Sand. So können auch einige nette, aber letztendlich verpuffende Einfälle (Glovers „Besuch“ auf dem Raumschiff der Predatoren und diverse Wärmebildkameraaufnahmen mit cooler Optik) an dem mediokren Gesamteindruck nichts ändern.

The Crow – Die Krähe (USA 1994)

Über die tragischen Umstände, durch die Brandon Lee während der Dreharbeiten ums Leben kam, muss ich an dieser Stelle kein Wort verlieren, denke ich. Fakt ist, dass sein letzter Film ein toller Mix aus Horror und Actionthriller mit Gothic-Elementen geworden ist. Brutal und mit melancholischem Unterton erzählt der Film die Geschichte von Eric Draven (Brandon Lee), der sich ein Jahr nach seinem Tod als untoter Geist an den Mördern von ihm und seiner Geliebten rächt. Das Finale auf dem Kirchendach bleibt dabei ebenso in Erinnerung wie Lees Läufe über die Häuserdächer der Stadt in strömendem Regen, was beides stylish ohne Ende ist. Allgegenwärtig: die von harten Hell-Dunkel-Kontrasten geprägte, grandiose Optik, welcher der Film seine düstere Stimmung verdankt und die ihn zu einem modernen Genre-Klassiker – nicht nur für Emo-Kinder – machte.

Die Nacht der reitenden Leichen (E/P 1971)

Apropos Klassiker: In Fankreisen gehört diese hanebüchene Splatter-Mär um untote Tempelritter zu Pferd, die bevorzugt Touristen das Blut aussaugen, in jene Kategorie. Das kann ich bei einer derart hirnrissigen Aneinanderreihung von Dämlichkeiten, die spielend jeden billigen italienischen Zombieheuler unterbieten, nicht nach-vollziehen. Wenn man über die absurde Konstruiertheit hinwegsieht, wie es dazu kommt, dass die eingeschnappte Virginia – das erste Opfer der Satan anbetenden Templer – des Nachts in einer alten Abtei übernachtet (ihr Freund hat mit einer alten, latent lesbischen Schulfreundin von ihr rumgeschäkert), wird man trotzdem noch von dümmlichen Horror-Szenen (stehen bleiben und kreischen anstatt vor den schlurfenden Typen wegzurennen) und den unsympathischen Charakteren genervt. Highlight: ein selbst-parodistischer Pathologe, der Virginias Freunden dümmlich grinsend erstmal genüsslich die falsche Leiche präsentiert. Man hat den Eindruck, dass in dieser Szene auch der talentfreie Regisseur mit seinem perplexen Publikum kommuniziert.


Kontrapunkt: Keine Jugendfreigabe

6. Januar 2010

Aufgrund des Fernsehprogramms von Pro 7 am Montag hatte ich kurz überlegt, meine Zeilen diese Woche über die „Wilde Kerle“-Reihe mit den nervigsten und hässlichsten Schauspielerkindern Deutschlands zu tippen. Doch da ich nicht aufgrund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesteinigt werden möchte, soll es nun um 3 Filme gehen, die dieselbe Zielgruppe bei Anblick der DVDs im Ladenregal aufgrund des aufgepappten FSK 18-Logos in Faszination erstarren lässt.

The Chaser (ROK 2008)

Ungleich der überschwenglichen Ausführungen von jenny hält sich meine Begeisterung durchaus zurück. Aber sie ist bei diesem clever konstruierten koreanischen Serienkillerfilm um einen Zuhälter und Ex-Bullen, dessen Mädchen von einem Psychopathen mit Meisel und Hammer getötet werden, durchaus vorhanden. Von minimalen Logiklöchern und dem (zumindest für mich) zu komplexen Kombinieren abgesehen, vermag dieser atmos-phärisch dichte Thriller durchaus zu fesseln und die wohl dosierten, aber umso blutigeren Gewaltentgleisungen verstören wie selten. Hin und wieder blitzt gar ein noch nicht einmal unpassender absurder Humor durch, wenn Polizisten im Kühlschrank Blut vermuten, welches sich als scharfe Sauce entpuppt. Ein spannender und realistisch anmutender Genrevertreter!

Toxic (USA 2008)

Ein Film, bei dem man sich schon 2 Tage später nicht mehr daran erinnert, worum es eigentlich ging, weil es so verworren ist, dass man es nicht gerafft hat. Statt dafür, eine Geschichte zu erzählen, interessiert sich der mit einigen bekannten Gesichtern wie Tom Sizemore oder Dominique Swain besetzte Thriller nur für seine Bilder. Doch dieser Workshop für hyperaktive Kameramänner und Cutter mit mannigfaltigem Experimentieren bei Farbsättigung, Blenden, Filtern, Mini-Zeitraffern, Texteinblendungen, stylishem Rumgewackel und Jump Cuts nervt ziemlich schnell, zumal sämtliche Übersichtlichkeit bzw. Verständlichkeit dabei verloren geht. Geballert wird oft, dummes Zeug geredet auch (sinngemäß: „Mein Herz ist groß, aber mein Schwanz ist größer!“) und hin und wieder gibt’s nen unerotischen Lap Dance zu sehen. Einfach nur Gift fürs Hirn, dieser überkandidelte Blödsinn.

The Stepfather (GB/USA 1987)

Das – laut Kritiken – eher wenig gelungene Remake dieses Horrorfilms um einen Serienkiller, der in vaterlose Familien einheiratet und diese umbringt, wenn Komplikationen um seine konservativen Idealvorstellungen von intaktem Familienleben auftreten, läuft gerade im Kino. Dieser Low-Budget-Klassiker ist mit der verstörend-guten Leistung von Terry O’Quinn (Locke aus der Mystery-Serie „LOST“) in der Titelrolle und einem ausgewogenen Spannungsbogen sehr solide Genrekost. Zahlreiche Untersichten (man achte auf die Fotografie von Treppen!), hin und wieder expressionistisch anmutende, langgezogene Schatten und einige blutig-brutale Gewaltentladungen tragen effektvoll dazu bei, das Grauen, was in Gestalt des psychopathischen Stiefvaters die Häuser der biederen Mittelschicht heimsucht, zu steigern. Da sieht man auch gern über die dudelige, billig wirkende Synthesizer-Filmmusik hinweg.


10 Jahre // 15 Favoriten (3)

4. Januar 2010

Im letzten Teil meines Dekaden-Specials geht’s etwas mainstreamiger (lies: amerikanischer) zu, als in den anderen beiden. Wer sich einen Überblick verschaffen will über die Konkurrenz, kann sich meine MyMovies Liste der gesehenen Filme bei der IMDb ansehen, die natürlich allerdings nicht vollständig ist. Was hat die Zusammenstellung der Liste mir gebracht? Vor allem eine Konfrontation mit all den Filmen, die ich noch nicht gesehen habe. Die von Apichatpong Weerasethakul (“Syndromes and a Century”) und den Gebrüdern Dardenne (“Lornas Schweigen”) beispielsweise. Aber gerade deswegen macht man Listen, liest die Listen anderer Leute und diskutiert darüber. 


 

Children of Men (J/USA/GB 2005) 

Die besten Dystopien erschüttern uns in Mark und Bein, zeichnen das Bild einer Zukunft, die wir keinesfalls erleben wollen und verweisen so auf die gefährlichen Wurzeln, welche dafür in der Gegenwart gelegt werden. In einem mit einigen Dystopien versehenen Jahrzehnt, stellte Alfonso Cuaróns “Children of Men” zweifellos den Höhepunkt dar. Denn keiner der anderen Genre-Beiträge wie “V wie Vendetta” oder “Equilibrium” vermochte es, eine vergleichbare Verzweiflung und Aussichtslosigkeit angesichts der Zustände in unserer Zukunft zu suggerieren. Dabei bedient sich Cuarón in erster Linie nicht einmal bei dem bekannten Motiv des Überwachungsstaates, wie es so viele andere seit Samjatins “Wir” getan haben. Nichts weniger als das drohende Aussterben der Menschheit hat die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt, wie es nur durch das latente Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins entstehen kann. Wenn nach uns nichts mehr kommt, warum noch dem Handeln Grenzen setzen? Terroristen jeder Couleur, ein drohender Aufstand im Inneren und ein rücksichtsloser Polizeistaat am Rande des Kollaps… Vor dem Hintergrund dieser Kulisse fällt es ausgerechnet dem resignierten Theo (Clive Owen) zu, das schwach glimmende Licht er Hoffnung vor dem Verlöschen zu bewahren. 

Die allseitige Bedrohung in dieser Welt, in der keine Kinder mehr geboren werden, setzt Cuarón mit beachtlicher Selbstsicherheit bei der Wahl der stilistischen Mittel (u.a. die berühmten Plansequenzen) um, ohne der Gefahr zu erliegen, sich in selbstverliebten Spielereien zu sulen. 

Ratatouille (USA 2007) 

Gut zu essen, das ist eine wunderbare Angelegenheit. Die komplexe Gewürz-mischung einer Sauce auf der Zunge zergehen lassen. Die Geschmacks-explosionen im Gaumen nachverfolgen, genießen, ihre Ingredienzen erahnen. Wenn der Widerstreit scheinbar nicht kombinierbarer Sinneseindrücke im Mund beigelegt, der Genießende eines besseren belehrt wird, findet dieser sich schon bald im siebten Himmel wieder. Gutes Essen gehört zu den schönen Seiten des Lebens und der Akt des (liebevollen) Kochens übrigens auch. Nicht die sklavische Verehrung von Rezepten, sondern die instinktive Mischung, die abwegigen Eingebungen. Deswegen ist Kochen die vergänglichste aller Künste und seine Freuden – sowohl auf Seiten des Künstlers als auch des Konsumenten – unheimlich schwer medial ausdrückbar. Zumindest solange es kein Geruchs-/Geschmackskino gibt. Dass nun ausgerechnet Pixar einer der besten Filme über das Thema gelungen ist, kann aus heutiger Sicht kaum überraschen. Die können ja so gut wie alles. Wenn es um die Aufnahme in Bestenlisten geht, hatte “Ratatouille” in den letzten zehn Jahren viel Konkurrenz aus dem eigenen Stall. “Wall-E” mag (anfänglich) radikaler sein, “Die Unglaublichen” bieten mehr Unterhaltung und “Oben” ist ein einziger Stich ins Herz. Doch “Ratatouille” ragt mit einer nahezu perfekten und v.a. gleichmäßig hochwertigen Erzählung heraus und kreiert aus einfachen Zutaten eine unerwartete Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kunst für Mensch und Ratte. Classical Hollywood Cinema eben, wie es kaum noch zu finden ist. Hauptsächlich aber macht “Ratatouille” eines: Appetit. 

Zodiac (USA 2007) 

Die Urkatastrophe des Serienkiller-Motivs ist bekanntlich Jack the Ripper und was hat ihn dazu gemacht? Nicht die Brutalität. Nicht die Kaltblütigkeit. Nicht die Opfer. Nicht der Ort. Whitechapel gehört zu den Zutaten genau wie die Prostituierten, die ihm zum Opfer gefallen sind, doch Jack the Ripper ist aus einem einzigen Grund zum Mythos geworden: Bis heute ist seine Identität unklar, denn er wurde nie gefasst. Darin gleicht ihm der Zodiac-Killer, dessen Verfolgung David Fincher seinen zweiten Ausflug in das Genre widmet. Hinzu kommen die Briefe und mit ihnen die seltsame Symbiose zwischen Killer und Presse, die problematische Kanonisierung der Opfer und damit letztlich die Ungewissheit. Gab es den Zodiac-Killer überhaupt? War es ein Täter, waren es mehrere? Fragen über Fragen, die Robert Graysmiths (Jake Gyllenhaal) Obsession füttern. Der Karikaturist und spätere Buchautor bewegt sich zunächst an der Peripherie der Ereignisse, müssten die eigentlichen Helden des Serienkillerfilms in diesem Fall doch der Inspektor David Toschi (Mark Ruffalo) oder der waghalsige Journalist Paul Avery (Robert Downey Jr.) sein. Graysmith avanciert jedoch bald zum Pendant all jener Ripperologen, deren Suche nach dem Mörder auch die Zeit nichts anhaben konnte. Das Genre auf seine Wurzeln zurückführend, zeichnet Fincher gleichzeitig ein stellenweise erschütterndes Bild der Taten und ihrer Auswirkungen auf San Francisco. Weniger reißerisch als viele Genrebeiträge (auch sein eigener “Sieben”), aber dafür eben ganz nah. Ein einfaches Picknick am See wird danach nie wieder dasselbe sein. 

Che – Revolución & Guerilla (F/E/USA 2008) 

Wäre “Ocean’s Eleven” ein ernsthafter Arthouse-Film, würde er wahrscheinlich so ähnlich aussehen wie “Che”. Ein Film über professionelle Räuber, der von der Zusammenstellung des Teams bis zum Gelingen des Coups jeden Schritt minutiös nachzeichnet, eben weil Soderbergh, der Analytiker, dafür verantwortlich zeichnet. Was also war zu erwarten, als sich der Mann mit der abwechslungsreichen Filmografie daran machte, Che Guevara auf der Leinwand zu begegnen? Kein Biopic, denn “Che” gehört  nicht zur “Erin Brokovich”-Sorte, sondern  entspringt vielmehr dem augenscheinlich entfremdenden “The Good German”-Soderbergh, der die Marketingabteilung des jeweiligen Studios gerne vor unlösbare Aufgaben stellt. Zum Ausklang eines Jahrzehnts, das von einem ganzen Biopic-Hype überfallen wurde, stellte sich Soderbergh gegen den Strom und lieferte statt der Aufarbeitung des Lebens einer Legende die Analyse zweier revolutionärer Kämpfe. Damit ist “Che” eine der ungewöhnlichsten Annäherungsweisen an eine historische Persönlichkeit, da der filmische Doppelschlag sich der klassischen Narrativisierung des Lebensweges widersetzt. Es ist wohl einer der abgeklärtesten Blicke auf eine Legende, den man in Filmform finden kann. “In seinem Zweiteiler wühlt sich Soderbergh durch die Barrieren, welche die Mythenbildung mit sich bringt, um eine vielleicht nicht neue, aber vormals verschüttete Sicht auf Guevara zu gewähren. Er nähert sich dem Selbstbild eines Soldaten an, eines argentinischen Arztes, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Revolutionär wurde und als solcher 1967 in Bolivien starb. „Guerilla“ beweist, dass Soderbergh der perfekte Regisseur für diesen Job ist.” 

Inglourious Basterds (USA/D 2009) 

Mein persönliches Kinoereignis des Jahres. Nicht nur wegen Christoph Waltz und Mélanie Laurent. Nicht nur wegen des “Es war einmal…” und der Konsequenz, mit der Quentin Tarantino diese Idee bis zum Ende führt. Nicht nur wegen großartiger Bilder, wie dem in Flammen aufgehenden Riesengesicht, der Aschenputtel-Szene und den zwei Männern, die sich in einer Holzhütte gegenüber sitzen und reden. Was als Nazi-Klopperei in den Trailern verkauft wurde, entpuppt sich als Tarantinos bei weitem ehrgeizigstes Projekt. In jeder Sequenz, jeder Einstellung spürt man seine Ambition, ein Werk epischer Proportionen auf die Leinwand zu bannen und es ist ihm gelungen. “Inglourious Basterds” beweist, dass sich der einstige Posterboy der Postmoderne längst in eigenen Sphären mit einem unüberschaubaren System der (Selbst-)Referenzialität bewegt. Tarantinos Sprache – seine narrativen und metaphorischen Codes – ist das Kino und wo andere seiner Werke sich in Richtung semiotischer Spielereien, deren Strukturen interessanter sind, als die vermeintlichen Lebewesen, die sie verkörperten, bewegten, ist “Inglourious Basterds” nicht “nur” ein Film, sondern totales Kino geworden. Eines, das Gehirn ebenso anspricht wie das Herz. Ein wunderbares Werk, das dem amerikanischen und italienischen Western ebenso viel zu verdanken hat, wie der BRD-Trilogie Fassbinders und damit mal eben kinematografisch den Atlantik zu überspannen weiß. 


Zum Weiterlesen: 

10 Jahre // 15 Favoriten (1)
10 Jahre // 15 Favoriten (2)


Kontrapunkt: Flop Five 2009

2. Januar 2010

Auch 2009 wurden die Kinos der Republik mal wieder von einer Menge schlechter Filme heimgesucht. Davon habe ich jedoch nur bedingt etwas mitbekommen, weil ich meist brav meine Wohnungstür verriegelt habe, wenn ein Dieb meiner Zeit und somit Geldvernichtung ins Haus stand. Doch konnten sich einige filmischen Langfinger anscheinend doch durch den Hintereingang (hätte ich das mal bedacht!) einschleichen. Hier also die ungebetenen Gäste:

5. Männerherzen (D 2009)

… schlagen nicht höher, wenn man sich diese Komödie um eine Handvoll Herren und ihre Probleme im Alltag so anschaut. Die Charaktere um Til Schweiger als Musikproduzent Jerome und Christian Ulmen als Versager-Single Günther stellen neue Tiefpunkte in Sachen klischeehafter Charakterzeichnung dar und Mitfühlen ist bei den vielen verschiedenen Episoden mangels Identifikation mit den Figuren auch nicht drin. Zudem wird das Potenzial an Tiefgang in der traurigen Geschichte von Roland (Wotan Wilke Möhring), der eine Scheidung und den Tod seines Vaters verwinden muss, kaum ausgeschöpft. Und so versandet der im Ansatz zumindest interessante Film mitten in der Bedeutungslosigkeit.

4. Final Destination 4 (USA 2009)

Wenn dieselbe Geschichte minimal variiert zum vierten Mal erzählt wird und sich nur durch einige 3D-Effekte von den allesamt hochklassigeren Vorgängern abhebt, dann ist das kein gutes Zeichen. So gesehen bei diesem zuweilen unfreiwillig komischen Film, der abseits einiger netter (aber dümmlicher und durchwachsener) Splattereffekte nur Kopfschmerzen verursacht.

3. Lieber verliebt (USA 2009)

Eine überraschungsarme Romantic Comedy, bei der sich eine Beziehung zwischen einem kindlichen Jungspund (Justin Bartha) und einer reifen Frau (Catherine Zeta-Jones) andeutet, die mit vulgären Kindern und ekligen männlichen Dates einige Zerreißproben zu überstehen hat. Da ist es weder lustig, noch unterhaltsam, wenn man sich bereits nach einer Filmstunde zu Tode langweilt.

2. The Unborn (USA 2009)

Fade, mit Versatzstücken aus „Das Omen“, „Rosemaries Baby“ und „Der Exorzist“ zusammen gerührte Horror-Paste von „Batman Begins“-Drehbuchautor David S. Goyer um ein dämonisches Kind, welches nach seiner Geburt strebt. Spannungsarm und genau so lustlos vorgetragen wie Gary Oldmans Performance als Exorzisten-Rabbi.

1. Saw V (USA 2008)

Einmal mehr ist eine Fortsetzung der „Saw“-Reihe die Ausgeburt der Hölle Nummer Eins. Warum sich diesen überkonstruierten, verwirrenden und menschenverachtenden Filmabfall immer noch Menschen im Kino anschauen, ist mir ein Rätsel. Ich bin ja eigentlich ein Verfechter der Filmbefreiung (http://www.filmbefreier.de/), aber hier sage ich: Ab in den Raubkopie-Knast, damit der Franchise endlich vor die Hunde geht!


Im Verfolgerfeld – gaaaanz knapp dahinter – befinden sich übrigens folgende Filme:

„Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“

„Short Cut to Hollywood“

sowie

„2012“

Bleibt nur noch, dem Leser ein frohes neues und hoffentlich besseres Filmjahr 2010 zu wünschen!


Kontrapunkt: Deutscher Expressionismus

28. Dezember 2009

Diese im Kern von 1919 bis 1924 dauernde und nur im Deutschland der Weimarer Republik verbreitete filmische Stilrichtung, bleibt nach wie vor die einzige, welche sich nachhaltig auf das internationale Kino auswirkte. Schiefe Architekturen, von Angst geprägte Stimmungen, harte Hell-Dunkel-Kontraste sowie die Themen der missbrauchten Autorität, des mysteriösen Anderen oder absonderlicher Lebensformen bestimmen die Vertreter dieser Werke, die hier in einem ersten Überblick vorgestellt werden sollen.

Das Cabinet des Dr. Caligari (D 1919)

Der mysteriöse Jahrmarktschausteller Dr. Caligari (großartig sinister: Werner Krauss) schickt im fiktiven Ort Holstenwall einen von ihm willenlos gemachten Somnambulisten los, zu töten. Stilbildender als die etwas zu statische Regie von Robert Wiene ist das Bühnenbild von Hermann Warm, Walter Röhrig und Walter Reimann, wobei vor allem letzterer als Maler zahlreiche gezeichnete Entwürfe für die Kulisse beitrug. Der komplett preisgünstig im Atelier gedrehte Film lebt von seiner Künstlichkeit, seinen schiefen und überdiemsnional empor ragenden Bauten mit abstrakten Formen, die – entsprechend der Thematik des Films – wirken, als seien sei der im Chaos versunkenen Welt eines verwirrten Geistes entsprungen. Aufgemalte, zackige Schatten, schiefe Häuser und verwinkelte Innenräume suggerieren eine von Angst verprägte, nach außen getragene Vorstellungswelt. So verwundert es auch nicht, dass letztendlich die originelle und bis heute in ihrer Omnipräsenz nicht wieder erreichte Form des expressionistischen Dekors über den etwas wirren Inhalt triumphiert. Weitere Ausführungen von mir dazu bei MovieMaze.

Der Golem, wie er in die Welt kam (D 1920)

Die Kulissen von Hans Poelzig, welcher eine alte mittelalterliche Stadt mit engen Straßen und hervorspringenden Erkern ebenso wie gewölbeähnliche Innenräume mit unregelmäßigen Spitzbögen und länglich zulaufenden, gotischen Fenster schuf, gehören zu den eindrucksvollsten Bauten des filmischen Expressionismus. Auch Paul Wegeners Leistung als künstlich geschaffener Lehmmensch Golem, seine Paraderolle, ist in dieser mit Märchenelementen angereicherten Fantasy einmal mehr angsteinflößend. Doch leider stößt der latent vorgetragene Antisemitismus des auf einer Sage basierenden Films bitter auf. Die gezeigten jüdischen Gottesdienste gleichen Teufelsbeschwörungen, die Erweckung des Golems zum Schutz der Juden erfolgt mittels „dunkler Mächte“. Schließlich wird der Golem, welcher als höriges Werkzeug Tod und Zerstörung anrichtet, von einem kleinen blonden Mädchen vor dem riesigen Tor zum Judenghetto gestoppt, welches an das Rassenideal eines 13 Jahre später an die Macht kommenden Regimes erinnert.

Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (D 1922)

Eine eindrucksvolle, aber auch unautorisierte Verfilmung von Bram Stokers Roman, die beinahe aufgrund eines Gerichtsurteils vernichtet worden wäre. Dabei ist der Einfluss des filmischen Expressionismus nicht von der Hand zu weisen, doch nimmt Regisseur F.W. Murnau hiermit jenen naturalistisch-romantischen Stil vorweg, welcher auch sein Werk „Faust – Eine deutsche Volkssage“ (1926) durchzog. Gefilmt wurde sehr häufig außen, an Originalschauplätzen, Aufnahmen im Atelier treten seltener hinzu. So sind neben den sich an der Wand abzeichnenden, riesigen Schatten des nahenden Vampirs Graf Orlok und der am Strand neben zahlreichen Kreuzen wartenden Ellen (der Frau des ausgeschickten Maklers Hutter) – Szenen, die man durchaus als expressionistisch bezeichnen kann – auch zahlreiche Naturaufnahmen zu sehen, die in den Film Eingang fanden. Wie in den anderen hier besprochenen Filmen wird im Kern wieder eine Geschichte um missbrauchte Autorität und obskure Lebensformen erzählt, wenn Vampir Graf Orlok den Makler Knock gefügig macht, damit er seinem triebhaften Interesse an Ellen nachgehen kann.