Vergessen, wiedergefunden, restauriert: Il Cinema Ritrovato 2009

6. Juli 2009

Die Nebenwirkungen des Kinos sind unerträgliche Kopfschmerzen, permanente Schweißausbrüche, marternder Muskelkater, ermattende Müdigkeit, stets schwankende Stimmungen und in die Höhe schießende Cholesterinwerte. Zumindest wenn man ein Filmfestival in Italien besucht. Von einer Bahn zur nächsten geht es da, dann ab ins Flugzeug, wieder der Bus und als Abrundung nochmal die Bahn. All das nicht etwa um die äußerst schöne, mit Arkadengängen und einem zuverlässigen Sommerwetter gesegnete Stadt zu erkunden, sondern den ganzen Tag in dunklen Höhlen eine Wand anzustarren. Filmfestivals können offensichtlich zur grausamen Tortur ausarten, für deren Besuch man eigentlich bezahlt werden müsste.

Ein klitzekleines bisschen dramatisiert mag das erscheinen, doch nach zwölf bis dreizehn Stunden Anreise, die nachts um drei ihren Anfang nahm, kann eigentlich nur eine Ansammlung von Ausrufezeichen das Gefühl der Ankunft am Ziel adäquat beschreiben. Das seltsame an der Sache ist nur, dass es sich nach all dem wieder einmal gelohnt hat.

Wie auch seine 22 Vorgänger hat sich diese Ausgabe von “Il Cinema Ritrovato” in Bologna der Bewahrung des internationalen Filmerbes verschrieben. Vor allem das Fachpublikum (Filmwissenschaftler, Restauratoren, Archivare) hat sich vom 27. Juni bis zum 4. Juli in der italienischen Stadt eingefunden, um frisch restaurierte Kopien von Klassikern ebenso wie vergessenen Werken zu betrachten und jeden Abend auf der Piazza Maggiore mit den Bewohnern der Stadt Meisterwerke zu genießen. In drei Kinos (zwei Sälen der Cineteca und dem Cinema Arlecchino) wurden tagsüber Filme aus den verschiedensten Reihen gezeigt.

Letztes Jahr war es Josef von Sternberg, dieses Jahr Frank Capra, der zum Director in Focus erkoren wurde. Mr. Capra Goes to Town hieß die Reihe und bot die seltene Möglichkeit, die frühen Stumm- und Tonfilme des Meisters zu sehen, darunter seine Arbeiten mit Barbara Stanwyck. Gerade diese war eine außergewöhnliche Entdeckung, rettete sie mit ihrer bloßen Präsenz doch so manch unglaubwürdiges Happy End über die Spielzeit. Capras bekannteste Filme aus dieser Zeit – “The Bitter Tea of General Yen” und “Platinum Blonde” – wurden ihrem Ruf gerecht, doch überstrahlt wurden beide von “Forbidden”, welcher die für den Regisseur typische unterschwellige Melancholie und seine melodramatischen Elemente nahezu perfekt mit dem üblichen Capra-Witz verbindet. Alles in allem reichte die Qualität der Filme zwar nicht an die der Sternberg-Reihe heran, schließlich wurden die Amerika-Trilogie (über Mr. Smith, Mr. Deeds und John Doe) und andere übliche Verdächtige aus gutem Grund ausgespart. Die Sternberg-Reihe hatte sich jedoch alles in allem als qualitativ konsistenter erwiesen, denn dessen Stummfilme konnten Seite an Seite mit den berühmten Dietrich-Filmen brillieren.

Im Rahmen der jährlichen Reihe Ritrovati & Restaurati sowie der Präsentationen der von Martin Scorsese gegründeten World Cinema Foundation fanden sich dagegen unzählige Highlights wie z.B. eine neue, vollständige Fassung von Die Ferien des Monsieur Hulot, die großartige Tragiksatire Kritische Jahre über den italienischen Faschismus, der vierstündige Cut von Edward Yangs “A Brighter Summer Day” mit dem jungen Chang Chen in der Hauptrolle und “Al-mummia”, der einzige Film des Ägypters Shadi Abdel Salam.

Am leichtesten lassen sich die Ergebnisse der Restauration für Laien wohl an der Farbe erkennen. Dementsprechend erscheint es nur logisch, dass In Search of the Color of Film sich allein diesem Thema widmete. Als Lieferant für allerhand Festival-Höhepunkte erwies sich diese Reihe, schließlich wurde im dafür ausgewählten Cinemascope-Kino Arlecchino nicht nur Godards “Pierrot le Fou” gezeigt. Gerade die weniger bekannten Werke stellten sich als wahre Perlen des Festivals heraus. Zu den besten Filmen zählten William Wellmans Frontier-Drama Track of the Cat mit Robert Mitchum, John Fords erster Farbfilm Drums along the Mohawk, in dem sich Henry Fonda und Claudette Colbert gegen Indianer und John Carradine erwehren müssen und Albert Lewins Pandora & the Flying Dutchman, der Ava Gardner und James Mason als mythisches Liebespaar vor einem surrealistischen Hintergrund vereint.

Gekrönt wurden die Kinotage von den täglich ab 22 Uhr beginnenden Vorstellungen auf der Piazza Maggiore. So zeigte King Vidor am Dienstag die urbane Massengesellschaft der 20er Jahre in “The Crowd”, am Donnerstag war an Hand von drei Kurzfilmen ein unmittelbarer Vergleich zwischen Charlie Chaplin und Buster Keaton möglich (Keaton hat gewonnen) und am Freitag konnte man Alida Vallis und Farley Grangers Hassliebe in “Senso” bewundern.

Mit Hilfe von Unmengen an Espressos, Cola-Dosen und italienischen Spezialitäten galt es tagtäglich den Energiehaushalt aufzufrischen. Neun Uhr morgens standen nämlich die ersten Vorstellungen an und zumeist endete der Tag auch erst Mitternacht, anschließendes Beisammensein samt Bierchen nicht mit eingerechnet. Filmfestivals sind eben kein Pappenstiel und vor allem nichts für Langschläfer, besonders wenn einem die Anreise noch drei Tage später in den Knochen steckt. Soviel zur um Mitleid heischenden Dramatisierung der Reise. Letztendlich verliert das alles aber an Bedeutung, wenn man die seltene Möglichkeit geboten bekommt, vier bis fünf Filme am Tag zu sehen, von denen 60-70% bisher nicht einmal eine DVD-Auswertung erhalten haben und ein nicht geringer Teil diese wohl gar nicht erhalten wird. Bologna ist nicht zuletzt deswegen eine äußerst empfehlenswerte Destination für Cineasten und Cinephile, die verloren geglaubtes Kino wiederfinden wollen und das in einem einzigartigem intimen Kinoambiente abseits der kommerziellen Erwägungen von Filmmärkten und Gala-Premieren.

Alle beim Festival in Bologna gesehenen Filme werden, wie schon vor einem Jahr, demnächst an dieser Stelle mehr oder weniger ausführlich besprochen werden. Beiträge zur letzten Ausgabe findet man nach etwas Gescrolle hier.


Kontrapunkt: Thriller

29. Juni 2009

Spannende Filme mit Action-Elementen prägen dieses Genre. Dabei gibt es verschiedene Herangehensweisen: Bedächtig und gemächlich, als Studie über die Einsamkeit mit latenter Angst vor Verfolgung oder aber auch hochbrisant und rasant. Man lese das Folgende.

The Limits of Control (E/USA/J 2009)

Jim Jarmusch meldet sich mit dieser fragwürdigen, aber auch einzigartigen Mischung aus Thriller und Philosophie zurück. Obwohl er hier mit einem Kino der variierenden Wiederholung, der Imagination und der Langsamkeit etwas ganz eigenes schafft, fasziniert dies nur bis zu einem gewissen Punkt – dann stellt sich Ermüdung ein. Streichholzschachteln mit Codes werden immer wieder weiter gegeben, mit Geheimnissen umwobene Menschen, die mit ähnlichen Phrasen bedeutungsschwangere Dinge erzählen („Are you interested in … at any chance?“) kommen zu einem einsamen Killer (großartig reduziertes Spiel: Isaach de Bankolé) und gehen, bis dieser in Spanien endlich seinen Auftrag erledigt. Der Zuschauer weiß, was er bei einem Jarmusch-Film geboten bekommt: auf jeden Fall kein Tempo, aber Stil. Schade nur, dass „The Limts of Control“ darüber hinaus einzig auf der assoziativen Ebene auf sich selbst oder die Zustände der amerikanischen Gesellschaft verweist. Dadurch kann man in diesen prätentiösen Film viel hineininterpretieren – oder es auch lassen.

Die Millionen eines Gehetzten (F/I 1963)

Ein Film, den ich mir irgendwann vor Ewigkeiten einmal in einer Videothek kaufte (das Gütesiegel „SZ Cinemathek“ war schuld) und von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Jean-Paul Belmondo spielt in diesem Film von Jean-Pierre Melville („Der eiskalte Engel“) einen ehemaligen Boxer namens Michel Maudet, der seine Freundin sitzen lässt und den skrupellosen Millionär Ferchaux in die USA als sein Sekretär begleitet. Während ihrer gemeinsamen Flucht vor den Behörden bzw. der eigenen Vergangenheit kehren sich jedoch bald die gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisse um. Bestimmt der autoritäre Ferchaux zunächst über den von ihn bezahlten Maudet, nimmt sich dieser immer mehr Freiheiten in dem Wissen heraus, dass der hypochondrisch nach Gesellschaft begehrende Ferchaux aus Angst vor der Einsamkeit auf ihn angewiesen ist. Weniger ein latent vorgetragener Thriller, ist Melville vor allem eine psychologisch beeindruckende Studie um die Gier und Einsamkeit des Menschen gelungen, die jedoch aufgrund der unsympathisch gezeichneten Charaktere und der distanziert-unterkühlten Inszenierung leider weitgehend kalt lässt.

State of Play – Stand der Dinge (USA/GB/F 2009)

Ein hoch brisanter Thriller um die Verwicklung eines Abgeordneten (blass, aber besser als sonst: Ben Affleck) und eines paramilitärischen privaten Sicherheitskonzerns in mehrere Mordfälle, was von einem alteingesessenen Enthüllungsreporter (hat für die Rolle zugelegt: Russell Crowe) aufgedeckt wird, nachdem dieser selbst ins Fadenkreuz des Mörders geriet. Das Drehbuch von u. a. „Michael Clayton“-Regisseur Tony Gilroy ist komplex, obwohl ich die gleichnamige britische TV-Miniserie, die als Vorbild fungierte, nie gesehen habe. Auf jeden Fall ist der Film ein Hohelied auf die Presse, die aussterbende Art des Enthüllungsjournalisten, die in ihrer ewigen Suche nach der Wahrheit auch nicht bei Freunden halt macht, die Dreck am Stecken haben und ein Plädoyer für den Zeitungsjournalismus, der in den USA zur Zeit eine große Krise erlebt. Wendungsreich, spannend, gut besetzt: so muss ein moderner Journalisten-Thriller aussehen!


Wichtige Informationen zu später Stunde

27. Juni 2009

Da ich mich in wenigen Stunden auf die beschwerliche, von diversen Zugfahrten und Flughäfen gesäumte Reise nach Bologna begebe, sei hier nur kurz erwähnt, dass es diese Woche bei the gaffer etwa ruhiger wird. Das heißt, dass Lutz mit seinem neuen Kontrapunkt wohl einsam die Stellung halten muss. Stammleser werden vielleicht merken, dass genau vor einem Jahr eine ähnliche Meldung hier gepostet wurde. In der überaus hübschen italienischen Stadt findet dieses Jahr nämlich wieder das Festival Il Cinema Ritrovato statt und eben jenes werde ich im Rahmen eines Exkursionsseminars erneut besuchen. Diesmal werden u.a. Filme von Frank Capra, King Vidor, Jean-Luc Godard, Luchino Visconti (”Senso” – Open Air!), John Ford und Jacques Tati (”Die Ferien des Monsieur Hulot”- ebenfalls Open Air!) zu sehen sein.

Wenn innerhalb der nächsten Woche also der ein oder andere Kommentar nicht freigeschaltet wird, liegt es daran. Wer mehr über das Festival erfahren möchte, kann sich den Bericht vom letzten Jahr durchlesen. Mir bleibt ansonsten nur noch, allen Lesern eine schöne, möglichst sonnige Woche zu wünschen! Arrivederci!


Letztes Jahr in Marienbad (F/I 1961)

26. Juni 2009

Memory’s a bitch. Erinnerungen brechen herein in den Alltag, wenn man sie am wenigsten braucht. Ein ganzes Leben lang verfolgen einen die Schlechten und die Guten muss man jeden Tag aufs neue vor dem Treibsand des Vergessens bewahren. Wie ein Puzzle drohen sie zu zerfallen, verschwinden einzelne Teile auf nimmer Wiedersehen, muss der Rest in  einem unaufhörlichen Kreislauf immer wieder neu zusammengesetzt werden. Denn Erinnerungen, das sind Rückzugsorte und Versicherungen der eigenen Identität samt ihrer Vergangenheit. Wenn materielle Begleiter ihr Ablaufdatum längst erreicht haben, vergehen oder ersetzt werden, ermöglicht das Gedächtnis die Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei beherbergt es die ultimative Subjektivität. Ist das Puzzle einmal neu zusammengesetzt, wird das Bild schließlich nicht zwangsläufig dasselbe sein.

Es mag verwegen klingen, aber Alain Resnais hat das Gedächtnis verfilmt. Mit all seinen Manipulationsmöglichkeiten, surrealen Überraschungen und der stets hervorlukenden Unberechenbarkeit eines Vierjährigen, der einem in der Bahn gegenüber sitzt, während man verzweifelt versucht, sich auf ein Buch zu konzentrieren. Das ist jedoch nur eine Deutung von Letztes Jahr in Marienbad, was zugleich die Frage beantwortet, warum der Film von nicht wenigen leidenschaftlich gehasst und als prätentiös bezeichnet wird. Alternativer Untertitel: Alles, was wir am “Kunstkino” hassen.

Resnais hat zugegebenermaßen einen schweren Film gedreht, das reinste Rätsel, rafft der Zuschauer sich nicht auf, um für sich selbst Bedeutung in die Sache zu bringen. Ein Verwirrspiel der absoluten Relativität von Realität, welches so perfekt ineinander greift, so – das spürt man bei Anblick der 94 Minuten – konsequent durchdacht und konzipiert wurde, dass es als sinnlos abzutun, nur ein Symptom geistiger Faulheit wäre.

Der Film ist eine Herausforderung, alle Erwartungen, jede Vorstellung filmischer Konventionen hinter sich zu lassen. An der Oberfläche: Ein Mann, der eine Frau überzeugen möchte. Sie hatten vor einem Jahr eine Affaire, sagt er, in Marienbad. Vielleicht war es auch woanders. Sie erinnert sich nicht an ihn, doch er gibt nicht auf. Das alles in einem barocken Schloss samt geometrisch massakriertem Garten und teilnahmslosen Gästen. Sie reden aneinander vorbei, blicken ins Leere. Vielleicht sind sie Geister, vielleicht spielen sie aber auch gar keine Rolle,  außer jener der leblosen Staffage der Erinnerung.

Lebendigkeit scheint X (Giorgio Albertazzi) ihr einzuhauchen, mit jedem Überredungsversuch ein bisschen mehr. “Wir waren da und da, sie haben das und das getan”, hört man in Variationen aus dem Off, selbst wenn sich im Bild ein anderes Ereignis abspielt. Später wird man es einordnen können, denn passende Bilder sind tatsächlich vorhanden. X’ Gedächtnis neigt nur hin und wieder zur Asynchronität. Das ist es, was man sieht: Sein Versuch, die Erinnerungen, welche er von A (Delphine Seyrig) besitzt, umzuformen, bis der Ausgang der Affaire ihn zufriedenstellt. Ständig verzweifelt das “Nein, so ist es nicht gewesen, es war anders!” bis sich seine Version des Ablaufs durchsetzt.

Die klare Trennung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, selbst die Einheit von Zeit und Raum hebt Resnais in “Letztes Jahr in Marienbad” auf und bis man in den Film findet, ist das Gefühl eines kühlen Experiments voller Stillleben und quälend langer, diffuser Kamerafahrten nur schwer abzuschütteln. Jedoch nicht nur eine abstrakte Idee, ausgebreitet auf Spielfilmlänge ist sein Werk, vielmehr ein reichlich menschlicher Film, der ein wesentliches Phänomen unseres Daseins in bewegte Bilder zu fassen sucht.

Auf technischer Ebene brillieren die Macher. Labyrinthisch führt Sacha Vierny den Blick durch die prunkvolle Sterilität der Gänge, als würde es sich um die Windungen eines Gehirns handeln. Kombiniert werden die Bilder virtuos, denn X springt von Moment zu Moment. Manchmal ist es auch nur der Hintergrund, der sich wandelt, so als sei er sich selbst nicht mehr sicher, wo das Gespräch nun wirklich stattgefunden hat. Doch ein “wirklich”  gibt es in  diesem Film ja sowieso nicht. Selten drängt sich die Montage derart invasiv ins Filmerlebnis und wo danach oft nur die prätentiös verschleierte Leere vorherrscht, ist diesem und den anderen Stilmitteln Resnais’ problemlos ein Motiv für die Auswahl zuzuordnen.

Letztes Jahr in Marienbad ist kein Erzählkino, denn Erinnerungen kommen selten mit einer gewöhnlichen continuity im Handgepäck. Der Film wird vor unseren Augen von X konstruiert. Allerlei Umwege und Einbahnstraßen müssen dabei eben in Kauf genommen werden. Nichts ändert das an der Tatsache, dass Resnais jedem, der will, eine einzigartige Erfahrung bereitstellt. Alles, was zu tun bleibt, ist auf Play zu drücken.

Aber vielleicht war es ja auch ganz anders.


Dem Kelly sein neuer

25. Juni 2009

Richard Kellys Filme sind wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was noch kommt. Der Amerikaner hat zwar erst drei Spielfilme gedreht, aber nach “Donnie Darko” und “Southland Tales” kann man schon mal eine Konstante feststellen: Er neigt zu ungewöhnlichen Erzählstrukturen, die zu entziffern man am Ende oft genug mit Hilfe von Onlineforen gezwungen ist. Anders als seine beiden Vorgänger erscheint The Box nun wie der Versuch, in den Mainstream vorzustoßen.

Als gewöhnlicher Thriller fängt’s an mit einer geheimnisvollen Box, die Cameron Diaz und James Marsden auf ihrer Türschwelle finden und der gruslig vernarbte Frank Langella, der ihnen das Ding erklärt, wirkt auch nicht sonderlich vertrauenswürdig. Doch je weiter der Trailer voranstrebt, desto stärker erinnern die Einstellungen an Kubrick, desto seltsamer  – eben wie Kelly – wirkt die Handlung und trotzdem ist alles ein bisschen… konventionell.

The Box startet im Oktober in den USA und in Deutschland “voraussichtlich 2009″. Zur YouTube-Version geht’s hier lang.


Kontrapunkt: Wahnsinn

23. Juni 2009

Wir erinnern uns an Wolfgang Petry, der in einem seiner Songs den Titel dieses Kontrapunkts mit der Songzeile „… warum schickst du mich in die Hölle?“ vervollständigt. Dort lauert zweifellos „Das Grauen… das Grauen“. Oder schlechte Drehbücher, die Mädels von der Venus im ländlichen Oberbayern nach „Reibeflüssigkeit“ suchen lässt. Hätte Jacques Mesrine dort doch wenigstens mal eingegriffen und nicht nur im französischen Finanzsystem.

Public Enemy No. 1 - TodestriebPublic Enemy No. 1 – Todestrieb (F/CDN 2008)

Irgendwie hat man bei diesem Film ein Déja-vu nach dem anderen: Immer noch die Einbrüche, Ballereien (dieses mal mit der Wackelkamera allerdings negativer in Erinnerung bleibend) und Frauengeschichten wie in Part Un der Verfilmung der Autobiographie von Jacques Mesrine, keine wirklich innovativen Aspekte. Nun ja, the gaffer hat ja schon Einiges dazu gesagt. Und eigentlich ist es auch unverzeihlich, dass man schon zu Beginn des ersten Teils zeigte, wie die ganze Geschichte ausgeht. Ich als Nicht-Wikipedia-Leser wäre dann vielleicht noch überrascht wurden. Dennoch fiebert man mit, wenn minutiös und mit nahezu hypnotischer Spannung Mesrines letzter Gang zu und Mesrines letzte Fahrt in seinem Auto nachgezeichnet wird. Irgendwie wie bei „Star Wars“ in Episode III: Eigentlich weiß man, was passiert, fesseln tut es aber trotzdem. Trés jolie. Zumindest diese Szene. Der restliche Film drumherum ist fast schon erschreckend konventionell, so dass er nur durch den diabolique Monsieur Cassel noch ganz gut ist.

Ach jodel mir doch einenAch jodel mir noch einen (BRD/A 1974)

Der hirnrissige deutsche Untertitel „Stoßtrupp Venus bläst zum Angriff“ oder der nicht minder doofe amerikanische Titel „2069: A Sex Odyssey“ sagen eigentlich schon alles über diese wahnsinnig bescheuerte Erotikklamotte, in welcher eine Gruppe von Venus-Frauen wegen akuten Spermienmangels auf ihrem Planeten in Oberbayern auf „Reibstoff“-Jagd geht. Platte Wortwitze um Tankschläuche und Einspritzpumpen sind an der Tagesordnung, die billigen Effekte bestehen hauptsächlich in blinkenden Lampen. Die albernen Kostüme wirken in diesem unfreiwillig komischen, haarsträubenden Billig-Fummelfilm auf bayrisch wie von einer Dorf-Trekkie-Party im hintersten Pfaffenwinkel abgeguckt, aber immerhin sind die drallen Venus-Miezen ganz nett anzuschauen, wenn sie diese denn mal ausziehen. Das passiert gegen Ende der zum Glück nur 75 Filmminuten zwar immer öfter, aber die ohnehin dünne Handlung leidet ebenso darunter wie der Zuschauer, der nur das Ende dieses spacigen Aktes herbeisehnt.

Apocalypse Now ReduxApocalypse Now Redux (USA 1979)

Eigentlich braucht man über dieses Meisterwerk nicht mehr viele Worte verlieren: Krieg ist Wahnsinn, die Bootsfahrt zum Reich von Colonel Kurtz (Marlon Brando) jenseits der kambodschanischen Grenze eine Reise durch den Vorhof der Hölle, wo Vernunft, Bedeutung und Sinn unerlaubt abwesend sind. Die Kameraarbeit von Vittorio Storaro schwelgt in surrealen, düsteren Bildern, Gemälden gleich. Zusammen mit der übermächtigen Soundkulisse wird Coppolas Film zu einem einzigartigen Trip bar jeder Genrezuordnungen in das Innere des Menschen und den sich widerstrebenden Teilen seiner Seele: Liebe und Hass, Lust und Ratio. Die Redux-Fassung wirkt insgesamt etwas stimmiger (der Tiger… der Tiger), verärgert aber mit einer überflüssigen Szene bei französischen Siedlern. Zudem enttäuscht das Fehlen der mit psychedelischen Bild-Ton-Kompositionen inszenierten Zerstörung des Lagers im Abspann (der komplett zum Opfer fiel). Dennoch: ein verstörender Trip, der den Zuschauer ebenso fasziniert wie berauscht zurücklässt. Ganz großes Kino!


Public Enemy No. 1 – Todestrieb (F/CDN 2008)

22. Juni 2009

Public Enemy No. 1 - TodestriebEin bisschen stieg das Gefühl eines Déjà-vu-Erlebnisses in mir auf, als ich letzte Woche in der Spätvorstellung des zweiten Teils der Biografie von Jacques Mesrine saß. Oder war es ein Fehler in der Matrix? Wohl kaum, denn da war er wieder, der Verbrecher gespielt von Vincent Cassel, der in Frankreich Banken ausraubt, ins Gefängnis kommt, ausbricht, einen neuen Kompagnon trifft, der von einem französischen Star gespielt wird (Mathieu Amalric), sich mit ihm überwirft, eine hübsche Freundin findet, die von einem französischen Star (Ludivine Sagnier) gespielt wird, sich mit ihr streitet, ein Casino ausraubt, jemanden entführt usw. Natürlich läuft das alles nicht in dieser Reihenfolge ab und ich kann Regisseur Jean-François Richet nicht vorwerfen, einzig die Handlungsstationen des Vorgängers noch einmal mit anderen Frisuren zu wiederholen. Doch da saß ich eben im Kino und wunderte mich, warum in “Mordinstinkt” all die obigen Elemente noch relativ frisch gewirkt hatten und das vergleichbar flotte Tempo von “Todestrieb” im Gegensatz dazu hin und wieder zur Ermüdung führte. Plötzlich nervten etwa die verwackelten Actionszenen, welche in der ersten halben Stunde die Exposition ersetzen und damit den Einstieg in den Film auch nicht gerade erleichtern.

Das soll nicht heißen, Public Enemy No. 1 – Todestrieb leide im Vergleich zum Vorgänger an einem rapiden Qualitätsverlust. Beauftragt, die hohe Ereignisdichte von Mesrines Biografie als homogene, zweiteilige Erzählung auf die Leinwand zu bringen, versuchen Richet und sein Drehbuchpartner Abdel Raouf Dafri alles, um sowohl erzählerische Motive aus dem Vorgänger im zweiten Teil zu variieren, als auch Mesrines Transformation zum Public Enemy No. 1, den Wandel vom Mordinstinkt zum Todestrieb des gewalttätigen Robin Hood-Verschnitts glaubhaft zu machen. Im Zusammenspiel mit den Medien kommt Mesrines eitle Großmannssucht zum Tragen. So entführt er einen Journalisten, der ihn in einem Artikel beleidigt hat, prahlt in seiner Autobiografie mit Morden, welche er nicht begannen hat und führt, wenn er gerade nicht irgendetwas ausraubt, Interviews wie jeder andere Celebrity.

War Mordinstinkt noch vom Hintergrund des Algerienkriegs und dem Niedergang der französischen Kolonialmacht in den Anfangsjahren der Fünften Republik geprägt, macht der Terror in den Nachbarländern Mesrine in den Medien nun Konkurrenz. In demselben Maße wie es in den Siebzigern zur Radikalisierung von Teilen der Linken kommt, scheint Mesrine selbst zum verzerrten Spiegelbild seiner Außenwelt zu werden. Richets ambivalente Herangehensweise schwankt hierbei jedoch immer wieder zwischen der Entlarvung seiner grenzenlosen Brutalität und der Bewunderung des schelmischen Banditen, stets erfolgreich in seinen Versuchen, der Staatsmacht ein Schnippchen zu schlagen. Bis diese selbst alle Zügel der Legalität fahren lässt.

Das Leben Jacques Mesrines als Allegorie auf RAF, Rote Brigaden und Co.? Nur stellenweise wird diese Deutung dem Film gerecht, sind doch seine schon im Vorgänger angedeuteten, rar gesäten Motive  – z.B. die Schließung von Hochsicherheitsgefängnissen – einigermaßen halbgar aufbereitet, kaum ernst zu nehmen und meistens in der irrationalen Blase gefangen, in der sich auch der Instinktmensch Mesrine bewegt. Todestrieb ist in erster Linie die Charakterstudie eines sich zunehmend in seinen Taten verlierenden Raubtieres, welches recht früh erkennt, dass es aus der Falle, die sein Leben ist, kein Entkommen gibt und sich daraufhin immer tiefer in ihr verfängt.

Trotz der in der zweiten Hälfte überaus spannenden Kost bleibt die Frage im Raum stehen, ob dem Leben und Sterben des Jacques Mesrine nicht auch ein einziger Film gerecht geworden wäre. Ein bisschen weniger Déjà-vu, ein Tick mehr Mut zur erzählerischen Lücke, überhaupt die Fähigkeit eine Lebensstation wegzulassen, wenn sie dem Bild Mesrines nichts neues hinzufügen kann – die Erfüllung dieser Wünsche verweigern uns die Macher. Da beide Teile, “Mordinstinkt” und “Todestrieb”, sich in Ton und Atmosphäre nicht  – wie etwa “Kill Bill 1+2″ – fundamental voneinander unterscheiden, vielmehr an ihren Enden einander überlappen, hätte ein beherzter Cutter dem Ganzen durchaus gut getan. Abgesehen davon hat ein Film William Wellman, Howard Hawks und deren Kollegen doch auch gereicht.


Zum Weiterlesen:

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt


Das ist nicht Twilight

20. Juni 2009

Vampire sind in, nicht nur die von der Mormonen-Sorte. Ob bewusst oder nicht, der neue Film von Park Chan-wook (”Oldboy”) reiht sich ein in den Trend, der mal wieder Fernsehen und Kino erobert hat. Thirst lief vor nicht all zu langer Zeit in Cannes und konnte den Preis der Jury mit nach Südkorea nehmen.

Song Kang-ho (”The Host”), den ich persönlich auch beim Vorlesen des Telefonbuchs von Seoul zugucken würde, spielt zum ersten Mal seit “Sympathy for Mr. Vengeance” wieder eine Hauptrolle in einem Park-Film. Als Priester will er eigentlich nur ein Heilmittel für eine schreckliche Krankheit finden, doch das Experiment läuft schief und der Mann Gottes wird zum Vampir.

Nach diversen koreanischen ist nun ein amerikanischer Trailer im Netz gelandet. Hier geht’s zur YouTube-Version. Noch begrüßenswerter als ein guter amerikanischer Trailer für einen asiatischen Film ist die Tatsache, dass “Thirst” am 15. Oktober in den deutschen Kinos anläuft.


Che – Revolucion (USA/E/F 2008)

17. Juni 2009

Ein Handwerk, das ist die Revolution. Man übt diesen Job eben aus. Die Bezahlung? Für die einen vielleicht der Sieg. Für die anderen die Selbstverwirklichung in der konkreten Tat. Die quälende Wanderung durch den Dschungel, die sich stetig wiederholenden, motivierenden Reden vor der Truppe. In ihrer Ritualisierung stehen sie den ausgiebig eingefangenen Begrüßungen zwischen den Revolutionären in nichts nach. Zwei Kompanien treffen sich wieder. Che geht die Reihen durch, jeden seiner Kameraden umarmt er. Äußerlich wohl ein Zeichen der Freundschaft, ist das alles Teil des Jobs. So wird der Zusammenhalt innerhalb der Truppe sichergestellt, wie auch der für das Gelingen der Revolution unabdingbare Rückhalt in der Landbevölkerung mit der persönlichen Geste, dem Handschlag, zementiert wird. Wieder muss unter den Bewerbern aussortiert werden. Wieder die Fragen: Wer hat eine Waffe? Wer kann lesen und schreiben? Wie alt seid ihr? Die Revolution als Fließbandarbeit, welche sich durch immer gleiche Handgriffe und Gesten auszeichnet.

Che – Revolución ist kein Drama, kein Biopic, sondern unbeteiligte Beobachtung. Stirbt einer der bewaffneten Kämpfer, verweigert der Film die Stilisierung des Moments als tiefen Einschnitt in der Geschichte, denn es gehört eben dazu, genau wie das Nachladen, das Schwitzen und das Warten. Eine ‘Geschichte’ will “Che” wohl auch gar nicht erzählen, denn es fehlt die gewöhnliche Dramaturgie, dank der Abwesenheit von konstruierten Höhe- und Wendepunkten. “Che” erzählt nicht, es wird stattdessen der Ablauf der Revolution beobachtet, inbegriffen die Distanzierung und tendenzielle Unübersichtlichkeit, die solch ein filmisches Vorgehen eben mit sich bringt. Wann immer – das ist glücklicherweise selten – der Film in Versuchung gerät von der Unpersönlichkeit abzuweichen, stechen ein paar Sekunden oder wenige Minuten grell heraus aus dem atmosphärisch unterkühlten, selbst in seinen bunten Phasen wie ein schwarz-weiß-Film wirkenden Prozedere.

Über Motive will man etwas erfahren und über die Psychologie hinter dem Mythos, der in den letzten Jahrzehnten zur rot-schwarzen Schablone verkommen ist. Wie tickt denn so ein Großer der Geschichte? Wenn auch viel geredet wird über die Grundlagen einer Revolution und des Guerilla-Krieges, ist das Bild des schwer atmenden, von einem Asthma-Anfall geplagten Revolutionärs auf seinem mühsamen Weg durch die Sierra Maestra an Aussagekraft über sein Dasein unübertroffen. Tiefschürfende Psychologisierung wäre in den 134 Minuten nur ein störender Fremdkörper. Warum geht Che nach Kuba? Er will die Welt verändern. Hat er es geschafft? Ja. Wie ist’s abgelaufen? Schaut es euch an.

Benicio Del Toros Che ist ein charismatisches Konglomerat aus ideologischen Grundsätzen und Taten. Es ist nicht das Abziehbild der Ikone, kein vom Sockel gestürzter erbärmlicher Schatten und erst recht nicht der posierende Held, dem man dramaturgisch manipuliert zujubelt, mit dem man sich – wie sagt man so schön – ‘identifiziert’. Er ist ein Revolutionär, der seiner Arbeit nachgeht und revolutioniert. Er kämpft, redet, hustet, verhandelt und befolgt die Befehle seines Vorgesetzten, Fidel Castro. Noch erreicht er sein Ziel, doch irgendwann im zweiten Teil dieser Produktionshistorie, wird das Fließband stocken, wird er beim Zusammensetzen seiner zweiten Revolution nicht hinterher kommen und schließlich ins Leere greifen. Nach Che – Revolución will ich das Scheitern im Job auch sehen.

[Ebenfalls veröffentlicht in der OFDb am 17. Juni `09.]


Tequila war gestern

16. Juni 2009

So sieht er also aus, der große Konfuzius. Die Biopics über Laozi, Mengzi und Xunzi lassen bestimmt auch nicht lange auf sich warten. Ist ja immerhin besser als “Dragonball: Evolution”. Oder “Fluch der Karibik 3.” Oder “Bulletproof Monk”.

Abgesehen von dieser Erkenntnis, stellt sich mir doch die Frage: Wo bleibt das dreistündige Epos über Immanuel Kant? Hauptrolle: Ulrich Tukur. Das 90-minütige Actionspektakel über Georg Wilhelm Friedrich Hegel? Am besten mit der catchphrase “Mein Name ist Hegel. Georg Wilhelm Friedrich Hegel”. Hauptrolle: Till Schweiger. Regie: Uli Edel. Das könnten die sogar in Jena drehen! Von Theodor Wiesengrund Adorno und einer 3D-Verfilmung der “Dialektik der Aufklärung” fange ich gar nicht erst an. Das bleiben wohl Träume.

(via)